KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Feuerwalze: Godspeed You!

Black Emporer im SO36

Schön, dass, bevor am 21. Dezember laut Maya-Prophezeiung die Welt untergeht, vorher noch mal die Band vorbeikommt, die auch als „Big Band der Apokalypse“ bezeichnet wird: Godspeed You! Black Emporer, ein Künstlerkollektiv aus Montreal, das Ende der Neunziger Kultstatus erlangte, mit einer Instrumentalmusik, die weit über die Limits des Rockens hinausgeht. In eine Welt des Unfassbaren.

Dabei wird auch beim ersten von zwei Konzerten im SO36 deutlich, was GY!BE nach wie vor groß macht, auch wenn sie im Prinzip immer das Gleiche machen: Wo andere nur gekonnt durch ihre Songstrukturen kriechen, kümmern sie sich um keine Regeln, bauen Vernichtungsfantasien auf und walzen ungerührt Gitarrenchoräle vom Himmel. Dann wieder lullen sie ein mit ihren Minimal-Drones und endlosem Gestrecke – allein „Behemoth“ dauert 45 Minuten. Rock in seiner ausuferndsten und erschlagendsten Form. Völlig losgelöst und manchmal hart an der Grenze zum belanglosen Gesäusel, das sich von einer zirpenden Blues-Meditation zum überwältigenden Klangsturm steigert, in dem eine albanische Volksweise steckt. Im Hintergrund flimmern dazu Filmschnipsel über eine Leinwand. Zwei Stunden lang leben sieben Musiker und ein Filmvorführer ihre schöpferischen Schübe aus. Funktioniert noch immer. Schade nur, dass man im schlauchförmigen SO36 von den apokalyptischen Bildern nur wenig sieht – am Ende steht aber alles in Flammen. Volker Lüke

TANZ

Kleidersammlung: Grupo Oito

im Ballhaus Naunynstraße

Von Altkleidersammlungen profitieren manchmal auch Theater. Bei der Tanzperformance „Sight“ (bis 13.11., 20 Uhr) im Ballhaus Naunynstraße werden die Zuschauer gebeten, die Schuhe auszuziehen und auf dem Boden Platz zu nehmen – zwischen ausrangierten Blusen und Unterhosen. Videos zeigen, wie ungeheure Müllmengen aufgehäuft werden. Das Tanzkollektiv Grupo Oito nimmt die Wegwerfgesellschaft ins Visier und fragt zugleich: Was geschieht mit Menschen, die nicht mehr nützlich sind? Filmausschnitte erinnern an das Schicksal von Estamira. Sie lebte über 20 Jahre auf der Müllhalde Jardim Gramacho bei Rio de Janeiro, in der täglich acht Tonnen Abfall abgeladen wurden. Estamira litt an Schizophrenie, doch sie hatte auch klare Momente. Einmal erklärt sie hellsichtig: „Ich bin der Rand.“

Anfangs sind die nackten Performer hinter Plastikplanen verborgen. Dann wandeln die vier Tänzer auf den Spuren von Estamira, wühlen im Abfall, schlüpfen in die abgetragenen Kleider, bis sie wie Vogelscheuchen aussehen. Die Lumpensammler wagen ein munteres Tänzchen, dann gehen sie aufeinander los. Choreograf Ricardo de Paula will den Wahnsinn vertanzen, wenn er dabei auf CapoeiraKunststückchen zurückgreift, wirkt das deplatziert. Doch ihm gelingen auch groteske Bilder. Am Ende stecken alle bis zum Hals in grauen Müllsäcken. Was ist das für eine Gesellschaft, fragt Grupo Oito, in der Menschen ausgemustert und „entsorgt“ werden. Sandra Luzina

KLASSIK

Tanztee: Brad Mehldau und

das Orpheus Chamber Orchestra

Wenn Prokofjews „Klassische“ Symphonie auf dem Programm steht, gilt normalerweise: Es wird rasant zugehen. Nicht so in der Interpretation des heuer 40 Jahre alten amerikanischen Orpheus Chamber Orchestra, das sich betulich, aber beschwingt jedem Subtext des Werks verschließt, als würde es zum Tanztee aufspielen. Dass hinter Prokofjews Erster eine scharfe Parodie steckt, wird selbst im bittersüßen Larghetto graziös verdrängt, als gäbe es keinerlei chromatische Reibungsflächen. Solche Spannungslosigkeit langweilt.

Doch der Programmtiefpunkt ist erst mit der Uraufführung des Auftragswerks „Variationen über ein melancholisches Thema“ von Brad Mehldau erreicht. Die mit Jazzharmonik und -rhythmik veredelte, an Hollywoodfilme der Fünfziger erinnernde, seicht-süßliche Musik entwickelt sich kaum und will doch kein Ende nehmen. Am Klavier sitzt der Komponist selbst und improvisiert in etwas gepflegterem Bar-Piano-Stil. Auf dieses „neue“ Werk hat keiner gewartet. Zuletzt das Berliner Publikum.

Selbst Mozarts Jupiter-Symphonie vermag keine Erlösung zu bringen. Spannungstötende Pausen separieren einzelne Motive und saugen alle Energie aus dieser grandios kraftvollen Musik. Kaugummiartig ziehen sich die kontrapunktischen Linien in Celli und Bässen darunter. Nicht das Tempo macht hier die enervierende Schwerfälligkeit aus, sondern die kleingedachten Sinneinheiten, die sich ohne Ziel und Vision aneinanderreihen. Nicht eben das, wofür die Symphonie ihren Namen trägt. Barbara Eckle

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