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SHOW

Voll fett: die Kinder-Revue

im Friedrichstadtpalast

Was gilt es nicht alles zu bedenken, damit eine Erwachsenen-Show im Friedrichstadtpalast so massenkompatibel wird, dass sie tatsächlich 700 000 Leute sehen wollen (wie die letzte Revue „Yma“). Bei der alljährlichen Kinder-Revue dagegen können die Macher ganz sorgenfrei ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen. Die Aufführungen des jungen Ensembles sind nämlich ein Selbstläufer, die meisten Tickets schon vor der Premiere weg. Auch für die 42 Termine von „Ganz schön anders“ gibt es nur noch Restkarten.

Ein echtes Musical hat sich Stefanie Froer ausgedacht, eher Jugendstück als Märchen für die Kleinen. Helene ist eine Außenseiterin, weil sie Naturkaufhausklamotten tragen und Dinkelkekse essen muss. Mit Hilfe der sprechenden Wände ihres Kinderzimmers aber kann die Einsame ihre Freunde aus der Fantasiewelt zum Leben erwecken. Dort, im Zuckerwatteland, werden lustige Parties gefeiert – bis das böse, von Helene verachtete Picasso-Gemälde in die Story eingreift. Jammerlappen und Nervensägen sorgen für miese Stimmung, Helens Kreativität ist erneut gefragt. Angemessen gaga ist das alles, um knallbunte Ensembleszenen auszulösen, in denen 100 als Marshmellows, Pommes oder Hamburger verkleidete Sechs- bis 16-Jährige um die Wette tanzen. Die Dialoge haben Wortwitz, über den auch die mitgebrachten Eltern lachen können, Akrobaten-Acts, glitzernde Wasserfälle und bombastische Bühnentricks werden dazu aus der parallel laufenden Erwachsenen-Show ausgeliehen. Um es mit den Worten des sangesfreudigen Herrn Wurst (Vorname: Curry) zu sagen: voll fett!Frederik Hanssen

KLASSIK

Aufgedonnert: Tugan Sokhiev

und das DSO in der Philharmonie

Auftritt Nummer zwei für das Deutsche Symphonie-Orchester unter seinem neuen Chefdirigenten: Nach einem stilistisch wackeligen Start beim Musikfest wagt sich Tugan Sokhiev mit seinen Musikern einen ganzen Abend lang auf dezidiert schwankendes Terrain. Faurés Suite nach „Pelléas et Mélisande“ kreist zart um eine Tragik, die sich jeder eindeutigen Dramaturgie entzieht. Sokhiev, auch Chef in Toulouse, weiß elegant französische clarté in die Philharmonie zu holen, ohne dabei das Klangbild zu überschärfen. Das zur Entdeckung aufgebotene Flötenkonzert von Mieczysmaw Weinberg dagegen hätte mehr Zuspitzung verdient. Zur Zeit des sowjetischen Tauwetters 1961 komponiert, schafft das Werk mit seinen zu den Extremen strebenden Tempi ein Spannungsfeld, in dem sich Akrobatik und Andacht nicht mehr ausschließen müssen. Aufgeladen wird Weinbergs kleines Wunderwerk allein vom Atem des Solisten. Sokhiev vertraut den Part seiner 1. Soloflötistin Kornelia Brandkamp an, seit bald 20 Jahren eine Stütze des DSO. Ihr ausgleichendes Temperament gerät diesmal zur Bremse und löst einen plötzlichen Druckabfall auf dem Podium aus.

Dvobáks Siebte schließlich gleicht einem permanenten Nachjustieren von dramatischem Auftrieb. Sokhiev probiert verschiedene Stellschrauben aus, gibt donnernd Schub und geht abrupt ins Gleiten über. Das klingt im piano schon sehr kultiviert, enthält als künftige Flugroute aber noch etliche Leerstellen. Die Lust, daran weiterzuarbeiten, nimmt man Sokhiev und seinen Musikern ab. Ulrich Amling

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