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von

KLASSIK

Himmlische Fallhöhe: ein Abend mit

dem Freiburger Barockorchester

Darf man Dorothee Mields dafür kritisieren, dass sie aus Noten singt? Vielleicht schon, denn um mit ewigem Lobpreis für ihren stets überirdisch reinen und präzisen Vortrag zu langweilen, müsste man schon selbst ein Engel sein. Dass man überhaupt auf den Gedanken kommt, sich an den kleinen Seitenblicken zu stören, die sie in der Rolle der sterbend verklärten Clorinda auf die Partitur von Monteverdis „Combattimento“ wirft, zeugt dabei zugleich von der himmlischen Fallhöhe, die das Konzert des Freiburger Barock Consorts im Kammermusiksaal erreicht.

Mit Vokalwerken Monteverdis sowie Instrumentalwerken seiner Bewunderer Marini, Bertali und Buonamente gibt man sich der Sehnsucht nach dem iridischen Paradies Arkadiens hin. Dass die reproduzierte Perfektion nicht starr wird, dafür sorgt eine spezielle Qualität des Ensembles: die Fähigkeit, sich gedanklich und physisch von den Noten zu lösen. Mit der Nachlässigkeit von Jazzmusikern blicken die Geigerin Petra Müllejans sowie der harte Kern der Continuogruppe um die Gambistin Hille Perl über ihre Pulte hinweg, während der Blickkontakt zu den Mitspielern nie abreißt. Antonio Bertalis virtuose Ciacona wird so zur mitreißenden Jamsession, bei der es keinen Unterschied zwischen notierten und improvisierten Tönen zu geben scheint. Monteverdis „Combattimento“ könnte die gleiche Wirkung erzielen, wenn Mields es Hans Jörg Mammel und Fernando Guimarães gleichtun, und den Mut zum freien Rezitieren finden würde. Doch schließt er die Augen, muss auch der kritischste Zuhörer am Ende bestätigen, in Arkadien gewesen zu sein. Carsten Niemann

DISCO

Mit der Wucht der Kanonenkugel:

Gossip im Velodrom

Es gibt großartige Songs. Und es gibt erfolgreiche Songs. In der kleinen Schnittmenge besitzt Gossips „Heavy Cross“ eine Ausnahmestellung. Die Disconummer mit dem leidenschaftlichen Soulgesang hielt sich 97 Wochen in den deutschen Charts. Das wäre sogar für einen zynisch kalkulierten Retorten-Hit erstaunlich – für eine wenig bekannte US-Band mit dicker lesbischer Sängerin war es sensationell. Wenig erstaunlich, dass Gossip diesen Erfolg auszuschlachten versuchten, indem sie ein Album nachlegten, das aus – leider nicht mehr so tollen – Variationen ihres Superhits besteht. Wer indes befürchtet, die Band endgültig ans „Wetten, dass…?“-Publikum zu verlieren, sieht sich im Velodrom getäuscht. Die Marmorglätte der neueren Lieder wird aufgeraut, vor allem von Nathan Howdeshell an der Gitarre, dessen klirrende Licks wie eine dreckige Hommage an den Discogott Nile Rodgers klingen. Hannah Blilie trommelt mit stoischem Minimalismus, zwei Helfershelfer bedienen Bass und Keyboard. Und vorne, da tobt Beth Ditto.

Viel ist über ihre kanonenkugelartige Wucht, über ihre mitreißende Bühnenpräsenz gesagt worden, und nichts davon ist übertrieben. Selbst in der anonymen Mehrzweckhalle schafft sie es, alle Anwesenden mit einem Kraftfeld purer Intensität zu umgeben. Keiner muss ohne ihre Zuwendung auskommen, wie sie während eines Ausflugs mit Vollkörperkontakt beweist. Ihr glühender Vortrag holt aus mittelmäßigen Songs das Optimum heraus, gute Stücke werden zu Killern: Der Garagensoul ihres ersten Indie-Hits „Standing In The Way Of Control“ wird mit einem Nirvana-Zitat gepimpt, „Get A Job“ kriegt den Michael-Jackson-Kick – und dann ist da noch „Heavy Cross“, das Ditto nach 100 Minuten zu einem triumphalen Bad in der Menge nutzt. Diese Band will nach oben.Jörg Wunder

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