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MUSEUMSGESCHICHTE

Der Mann, der Byzanz nach Berlin holte: eine Schau im Bode-Museum

Er war eine schillernde Gestalt, der österreichische Kunsthistoriker Josef Strzygowski. 1862 in Biala geboren, galt er früh als einer der besten Kenner byzantinischer Kunst. Später tauschte er Wissenschaft gegen Dogma, am Ende wurde er Nationalsozialist. Eine Kabinettausstellung im Bode-Museum beleuchtet nun Strzygowskis Verdienste um die Berliner Museen (bis 20. Januar).

Gegen die damals herrschende Meinung, die Anfänge der christlichen Kunst seien in Rom zu suchen, erkannte Strzygowski früh die Bedeutung Kleinasiens und des Vorderen Orients. Er beriet Wilhelm von Bode beim Ankauf, regte an, eine frühchristlich-byzantinische Abteilung einzurichten und erwarb in Ägypten 1600 spätantike Objekte für die Berliner Museen. 1903 drängte er auf den Erwerb der Mschatta-Fassade, die der osmanische Sultan noch im selben Jahr Wilhelm II. schenkte. Als die Wissenschaftler in Berlin jedoch herausfanden, dass die prächtigen Palastmauern nicht christlichen, sondern umayyadischen – also islamischen – Ursprungs waren, begann die Kooperation zu bröckeln. Die kleine Ausstellung lässt Strzygowskis spätere ideologische Verstrickungen unerwähnt. Sie zeigt Objekte, die er für die Museen erworben hat, gibt aber Informationen über die Person nur halbherzig preis. In dieser Ambivalenz bleiben die Besucher mit ihren Fragen allein.Simone Reber

.KLASSIK

Scharfkantig: ein Abend mit

dem Deutschen Kammerorchester

Barock trifft Moderne – was jenseits der ausgetretenen Pfade von Klassik und Romantik oft gut funktioniert, steht sich beim Deutschen Kammerorchester Berlin zunächst etwas fremd gegenüber. Dass etwa die Söhne Johann Sebastian Bachs ähnliche Konflikte verhandeln könnten, zumindest im Inneren, wie mancher durch äußere Umstände hineingestoßener Neutöner, darauf muss man erst mal kommen. So lässt sich die Innovationskraft der Hamburger Sinfonie von Carl Philipp Emanuels vielleicht gar nicht mehr richtig würdigen, die in ihren Brüchen und Stimmungsumschwüngen auf die Zeitgenossen geradezu verstörend gewirkt haben muss. Jan Michael Horstmann animiert sein Orchester vom Cembalo aus zu leidenschaftlicher Emphase und präziser Rasanz, in der Inseln melodischer Schönheit aufscheinen.

Der genialische Friedemann Bach verblüfft vielleicht noch mehr mit einer „Sinfonie d-Moll“, die zunächst als liebliches Konzert für zwei Flöten daherkommt, bevor sich ihre geschmeidig verschränkenden Linien in Fugato-Künste stürzen. Von den Klangfeldern eines Allan Petterson, die sich im Konzert für Streichorchester Nr. 1 aus dissonant geschärften Mustern zusammensetzen, erscheint das gar nicht so weit entfernt. Ihre Klanggewalt ist allerdings ganz dem 20. Jahrhundert verhaftet. Seinen Ungeist spiegelt das Concerto funèbre von Karl Amadeus Hartmann auf geistvolle und berührende Weise. Rebekka Hartmanns Stradivari verkörpert die einsame Stimme, die klagend, resigniert murmelnd, aufbegehrend gegen scharfkantige Tutti-Mauern anrennt – eine große, bejubelte Leistung der 31-jährigen Echo-Preisträgerin. Isabel Herzfeld

INSTALLATION

Terror und Beton: Die daad-Galerie zeigt peruanische Videokunst

„UNSCH/URP“ – die neue Ausstellung des peruanischen Künstlers Armando Andrade Tudela klingt nach Dada. Doch die beiden Abkürzungen bezeichnen zwei Hochschulen in Ayacucho und Lima. In einer Videoinstallation versucht Andrade Tudela den genius loci der Universitäten zu erspüren (bis 8.12. daad-Galerie, Zimmerstr. 90/91). An der UNSCH in Ayacucho formierte sich in den 60er und 70er Jahren die maoistische Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“. An der URP in Lima gründete sich das progressive Architektenkollektiv „Las Bestias“. Die Kamera streift durch leere Räume, die Aula, den Hof. Aber die Betonarchitektur verrät nichts über die Ideologien, die hier verbreitet wurden. Der Künstler lässt sich von ehemaligen Studenten und Lehrenden führen, doch sein Film bleibt stumm. In einem Begleitbuch können die Besucher die Interviews mit Zeitzeugen nachlesen.

Den Schauplätzen sozialer Konflikte stellt Andrade Tudela eine Stätte der Kontinuität gegenüber, die Höhle von Pikimachay. Die früheste Siedlung Perus war seit 12 000 vor Christus bewohnt. Der Film verschränkt die beiden Erzählstränge und trennt die Welten durch Weißbilder. Visuell geht die Strategie jedoch nicht auf. Die Hochschularchitektur erscheint zu beliebig, als dass sie etwas von der Entstehung der Gewalt in Peru vermitteln könnte. Den Menschen, die davon berichten, fehlt die Stimme. Für Erkenntnisse bleibt „UNSCH/URP“ zu vage. Simone Reber

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