KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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BLUES

Mentor und Meister: John Mayall

gastiert im C-Club

Zur selben Zeit, zu der die Stones vorglühen für ihren Riesenauftritt in London (siehe S. 19), gibt John Mayall im Berliner C-Club eine Stunde lang Autogramme, verkauft Platten und plaudert mit den Besuchern. Und während die Stones vor 20 000 loslegen, musiziert er vor ein paar hundert nicht minder enthusiastischen Fans. Am Donnerstag wird John Mayall 79 und hat noch immer großen Spaß – an R&B, Swing, Jazz, Boogie und molligen Balladen. Und spielt wieder Gitarre, rau und kantig, rhythmisch schmatzende Harmonika und hämmerndes Piano. Als die Rolling Stones 1962 im Londoner Marquee ihr erstes Konzert unter diesem Namen gaben, spielt Mayall im Bodega Jazz Club in Manchester. Später wurde seine Band The Bluesbreakers zum Sprungbrett für Größen wie Eric Clapton, Jack Bruce, Peter Green oder den späteren Stones-Mann Mick Taylor. Aber berühmt ist, wer bleibt. Heute wird Mayall begleitet vom knackig swingenden Rhythmus des Drummers Jay Davenport, den wippend wandernden Bassläufen von Greg Rzab und dem texanischen Les-Paul-Gitarristen Rocky Athas, der Vorlagen von Clapton, Green, Otis Rush und Freddie King gefühlvoll in sein eigenes Idiom übersetzt. Und was für ein Vergnügen, Mayall immer noch auf der Bühne zu sehen! Es muss nicht immer Stadion sein. Und der Sound ist sowieso besser. H.P. Daniels

POP

Spinnen und spaßen: Ariel Pink

im Festsaal Kreuzberg

Schlagzeuger da, Bassist und Gitarrist da, nur Ariel Pink, Sänger und Star des Abends, fehlt noch. Das Konzert im ausverkauften Festsaal Kreuzberg geht dennoch los – live aus den Backstage-Katakomben des Festsaals wird Ariel Pink per Digitalkamera dazugeschaltet, hinter der Band sieht man den passend zur Musik singenden Ariel Pink, projiziert auf eine Leinwand. Geht ja gut los. Aber dann ist Ariel Pink doch leibhaftig da, und man erlebt ein Konzert – viel zu normal für einen der großen Spinner der aktuellen US-Popmusik. Jahrelang hat er im Schlafzimmer seltsam verrauschte Popskizzen zusammengeschraubt, die von der hippen Band Animal Collective veröffentlicht wurden. Seitdem kennt man Ariel Pink als waldschratiges Genie, das seine Vorlieben für die Beach Boys, Michael Jackson und Achtziger-Wave zu etwas schlüssig Neuem verarbeitet. Doch auf der Bühne wirken Ariel Pink und Band nur noch als Ironiker, die sich aus dem Fundus der Popgeschichte bedienen. Ariel Pink trägt einen blondierten Ramones-Frisurenhelm, sein Gitarrist sieht aus wie einer von der Achtziger-Collegeband The Feelies, deren Studentenlook auch schon ironisch gemeint war, und der langhaarige Bassist würde auch beim Wacken-Festival nicht weiter auffallen. Und diese Zirkuscombo macht Softpop, das aber natürlich auch mit einem Augenzwinkern. So viel Spaß macht echt keinen Spaß. Andreas Hartmann

ARCHITEKTUR

Gutes aus den Giardini: Bilder

der Biennale in der Galerie AEA

Die 13. Architektur-Biennale von Venedig geht zu Ende. Wer den hoch gelobten deutschen Pavillon nicht hat sehen können, bekommt in der neuen Galerie AEA („Art et Architecture“) einen Einblick in das Konzept von Muck Petzet und Konstantin Grcic. Unter dem Titel „Reduce, Reuse, Recycle“ hat das Duo in Venedig „Architektur als Ressource“ vorgestellt, als materielle Grundlage für Umnutzung oder Weiterbauen oder auch wörtlich als Materialquelle für Künftiges. Der im Titel angespielte Dreischritt des Einsparens – die „Abfallhierarchie“ – meint: weniger Materialverbrauch, stattdessen Wiederverwendung von Bauteilen sowie Aufbereitung von Baustoffen. In der Galerie AEA im Neubau des Berliner Architekten Jürgen Mayer H. wird dieses Prinzip angewendet: dieselbe Schrift an der Wand wie im Deutschen Pavillon in den venezianischen Giardini, dazu ein schönes Foto von der Innenausstattung, die selber lediglich aus Fotos beispielhafter Bauvorhaben besteht. Dazu ist die Ausstellungszeitung erhältlich (Johannisstraße 3, bis 1. Februar, Mi-Fr 12-18 Uhr, www.galerie-aea.de). Es ist nicht die schlechteste Idee, als Architekturgalerie mit dem Sparsamkeits-, neudeutsch: Nachhaltigkeitskonzept, des deutschen Biennale-Beitrags zu beginnen. Bernhard Schulz

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