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KLASSIK

Schnittig: Martha Argerich und Antonio Pappano in der Philharmonie

Mit dem Konzertabend mit Martha Argerich und dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano ist es wie mit dem „Fort-da-Spiel“, das Sigmund Freud einst bei seinem Enkel beobachtete: Die Präsenz der inzwischen über 70-jährigen Pianistin scheint für den Verlauf des Abends ebenso entscheidend wie die Anwesenheit der Mutter für den kleinen Ernst, der deren Verschwinden im Spiel wieder und wieder reinszenierte. Tatsächlich fiebert das Publikum dem Auftritt Argerichs geradezu entgegen. Es nimmt wohl wahr, dass das römische Orchester als das erste Italiens gilt, dass die Streicher Verdis „Millerin“-Ouvertüre mit wunderbar luftig genommenen tiefen Tönen anheben lassen und dass Pappano den mächtigen Apparat auf eine Weise bewegt, die sofort allerlei Nationalklischees von Glut und Temperament wachruft – bei absoluter Virtuosität.

Aber wenn Martha Argerich für Schumanns Klavierkonzert auf die Bühne tritt, ist eben doch alles anders: eine schöne Frau, die mit ungeheurer Lässigkeit am Flügel sitzt und die Töne leuchten lässt. Schnittigkeit, wie im Orchester. Noch mehr Leben. Und Durchsetzungskraft – zusammen mit der Soloklarinette schafft Argerich im Allegro affettuoso eine Insel der Ruhe inmitten des noch immer unter Hochdruck spielenden Ensembles. Etwas Gleichgültigkeit darf nicht fehlen; Argerich meißelt nicht an den Phrasen herum, bis sie hundertprozentig aufeinander abgestimmt sind. Und doch spielt sie so gut, dass ihr grenzenlose Bewunderung entgegenschlägt. Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ gibt sie zu, unvergleichlich schön, und nach der Pause ist dessen Zweite Symphonie zu hören. Ohne Argerich. Das Orchester, noch immer unter Druck, spielt ausgezeichnet. Doch die Bühne wirkt verwaist. Intime Stellen wie die fugierte Passage im Adagio espressivo sind selten, und Pappanos nicht versiegende Spannung spricht von holder Euphorie wie bitterer Anstrengung gleichermaßen. Drei Zugaben, dann ringt man sich schließlich frei voneinander: ein großer Abend. Christiane Tewinkel

SOUL

Postkarte aus den Sechzigern:

Nick Waterhouse im Lido

Berstend voll ist das Lido, seit Tagen ausverkauft. Alle wollen einen neuen Stern am Pop-Himmel sehen: den Kalifornier Nick Waterhouse. Es macht ja auch wirklich neugierig, wenn ein junger Musiker im Computerzeitalter noch der Philosophie von Mono- und Analogaufnahmen anhängt, sowie den alten Tugenden von R & B und Soul. Seine erste Single – Vinyl, versteht sich – hat er 2010 im Alleingang ohne Plattenfirma veröffentlicht, womit er auch noch schlagartig Erfolg hatte.

Das Bühnenlicht ist gedämpft auf Blau und Rot: Sechziger-Jahre-Rockschuppenfeeling. Passend dazu The Allah-Las, eine formidable Garagenbeatband aus L. A., die schon mal ordentlich vorheizt. Dann rumpelt ein Schlagzeug, grummelt eine Bassgitarre, brummeln Tenor- und Baritonsaxofon, und zwei junge Frauen wedeln mit den Armen, singen: „Uh-huh“. Es ist wie bei einer alten Soul-Revue. Doch nicht so gestochen scharf wie damals. Die Instrumente undeutlicher, verschwommener. Wie auf einem alten Klassenfoto wirken die Musiker: gymnasiale Mittelstufe in den Sechzigern. Am Mikrofon der Klassenprimus Nick Waterhouse – mit großer Brille, brav gescheitelt und frisiert. Aber dann wird doch wilder abgetanzt als beim Tanzstundenabschlussball – nettes Gewusel im Saal und auf der Bühne. Waterhouse spielt metallisch klirrende Fills und Soli auf einer weinroten Gibson SG. Schöner, unverzerrter Sixties-Vintage-Sound wie bei den frühen Beatbands. Man denkt zurück an Cliff Bennet & The Rebel Rousers, The Animals. Viel schöne musikalische Vergangenheit klingt an in den Songs von Waterhouses Debütalbum mit dem treffenden Titel „Time’s All Gone“. Man spürt eine gewisse Leidenschaft in der Stimme des Shouters, wenn sie auch auf Dauer etwas flach wirkt, ebenso wie seine Kompositionen. Der beste Song des Abends ist eine Coverversion: Bobby Womacks R-&-B-Klassiker von 1964, „It’s All Over Now“. Jubel. H. P. Daniels

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