KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Besinnlich: Benefizkonzert für

gute Taten im Kammermusiksaal

Wer sich der Werbung folgend besonders auf den Star gefreut hat, muss sich zwei Stunden in Geduld üben. Bevor Simone Kermes den Abend im Kammermusiksaal mit ihrer explosiven Kunst krönt, spricht sie aus ihrer Erfahrung in der Jury des Bundeswettbewerbs Gesang, lobt die jungen Kollegen und fordert mehr Aufmerksamkeit des Staates für die Musikerziehung. Aus ihrem neuen Album „Dramma“ singt sie die dort als „World premiere recording“ erschienene Arie „Vedrà turbato il mare“ von Nicola Porpora, dem Rivalen Händels und Gesangslehrer berühmter Kastraten. Nun darf man auch sehen, wie sie von Kopf bis Fuß im Rhythmus dieser Musik des Neapolitaners lebt und vibriert. Dazu das Feuer ihrer Verzierungen – großes Finale mit dem spritzigen Barockorchester La Folia.

Ehrenamtlich haben sich junge Frauen als „Engel“ verkleidet, schneeweiß mit Flügelchen, um besinnlich dem „Benefizkonzert der Stiftung Gute-Tat.de“ zu dienen. Sie verkaufen die Programmhefte, deren Inhalt nach dem Motto von Klassik Radio gebaut ist: „Entspannt mit Holger Wemhoff“. Der Chefmoderator darf verdiente Künstler seine Freunde nennen und sich mit dem Publikum wie auf einem „Klassentreffen“ fühlen. Das ästhetische Prinzip heißt: Nicht zu lang und nicht zu schwer verdaulich. Ein Nocturne von Chopin, ein Satz Beethoven. Der Staats- und Domchor eröffnet weihnachtlich, bevor Bratschist Nils Mönkemeyer und Klarinettist David Orlowsky mit Schumann romantische Kantabilität entfalten. Die Pianisten Amir Katz und William Youn finden bei Liszt beseelte Virtuosität und Silbertöne. Sybill Mahlke

KUNST

Globale Revolte: Fotografien aus dem Senegal im Haus der Kulturen

Bürgerproteste für mehr Teilhabe und Demokratie gab es nicht nur in Tunesien oder Libyen, sondern auch in Westafrika. Im Senegal gingen zwischen Januar 2011 und März 2012 Tausende auf die Straße, um die Wiederwahl des greisen Präsidenten Abdoulaye Wade zu verhindern, was am Ende gelang. Davon handelt die Fotoausstellung „Chronik einer Revolte“ im Haus der Kulturen der Welt (bis 6. 12.; Mo-So 10-19 Uhr). Zu sehen sind Protest-Bilder von 19 meist afrikanischen Fotografen. Die bei der Documenta 12 und 13 beratend tätige Kuratorin Koyo Kouoh hat sie von Dakar nach Berlin gebracht. Die Szenen sind erschreckend und scheinen doch vertraut: agitierende Menschenmengen, bewaffnete Polizisten, Blut, Verletzte, Vermummte. Kouoh hat die Bilder ohne Nennung der Fotografen thematisch gruppiert und mit Überschriften versehen, etwa „Protest“, „Bürgerschaft“, „Wahlkampf“ oder „Anführer“. Hinzu kommen Auftritte des senegalesischen Musikers Youssou N’Dour oder des Hip-Hoppers Didier Awadi. Die Bilder zeigen vor allem eines: Der westafrikanische Aufstand ist keine isolierte Angelegenheit, sondern Teil einer globalen Revolte, deren Zeichen und Protestkultur auf der ganzen Welt verstanden werden. Senegal gilt als eines der postkolonialen Länder, das früh angefangen hat, demokratische Strukturen aufzubauen. Seit 20 Jahren steht das Land aber durch die anhaltende wirtschaftliche Krise am Abgrund. Die „Zeit Afrikas wird kommen“, sagte der Vordenker eines kosmopolitischen Afrika, Achille Mbembe, am Eröffnungstag. Der oft als Afro-Pessimist bezeichnete Johannisburger schlug ungewohnt hoffnungsvolle Töne an. Afrika müsse auf eigenen Beinen stehen und die Demokratie neu erfinden. Die Kultur bereitet den Weg dorthin. Birgit Rieger

KLASSIK

Sei ein Frosch: Französischer Barock an der Neuköllner Oper

Jean-Philippe Rameaus „Platée“ gehört zum Schrillsten und Besten, was die französische Barockoper hervorgebracht hat. Die Titelheldin – eine von einem Mann dargestellte Froschnymphe – hält sich für unwiderstehlich und wird zum Schein von Jupiter umworben. Der Göttervater macht sich so über die ewige Eifersucht seiner Gattin Juno lustig – und muss bei der Hochzeitszeremonie bange Minuten durchstehen, weil der Zorn seiner Frau auf sich warten lässt.

Es spricht für den Regisseur Robert Lehmeier, dass er sich bei der Inszenierung der neuen kammermusikalischen Adaption des selbstironischen Stücks an der Neuköllner Oper nicht auf die Komik des Verlachens verlässt (weitere Aufführungen bis 5. Januar, Karl-Marx-Straße 131-133). Statt aus der Froschnymphe eine Cindy aus Neukölln zu machen, lässt er sie als durchaus gut aussehende Tunte im Fummel auftreten, die ihr Selbstbild aus übersteigerten Hollywood-Melodramen bezieht. Für kurze Momente, etwa wenn sich die erwartungsvolle Platée zu einer Sturmmusik und taktgenau zusammengeschnittenen Filmsequenzen föhnt, geht das Konzept auf. Doch insgesamt scheitert die Inszenierung am Handwerklichen: Sowohl der Arrangeur und Übersetzer Jakob Vinje als auch der musikalische Leiter Hans-Peter Kirchberg unterschätzen die elementare Bedeutung, die eine flüssige, syntaktisch klare Deklamation für die französische Barockoper spielt. Lehmeier wiederum verliert beim Jonglieren mit den Bedeutungsebenen den Plot dermaßen aus den Augen, dass selbst elementare Beziehungen der Figuren untereinander unklar bleiben. Und so steht zum Ende hin nicht nur Armin Stein als Platée, sondern der gesamte stimmschöne Cast ziemlich allein gelassen auf der Bühne. Carsten Niemann

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