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FILM

Amélie ist überall: Die Komödie

„Anleitung zum Unglücklichsein“

Tiffany Blechschmid (Johanna Wokalek) ist Zweckpessimistin. Sie erwartet nichts vom Leben, um sich gegebenenfalls angenehm überraschen zu lassen. Eine dämliche Strategie, findet Fotograf Thomas (Itay Tiran). Er freut sich lieber auf das, was kommt. Wenn es unbegründet war, hat er sich wenigstens vorher gefreut.

Es war wohl unvermeidlich, dass Paul Watzlawicks Antiratgeber „Anleitung zum Unglücklichsein“ verfilmt wird (in neun Berliner Kinos). Fast dreißig Jahre hat es gedauert, dafür ist das Ergebnis erstaunlich dürftig. Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) will „Watzlawicks Thesen in Tiffany Blechschmid hineintragen“. Eine kühne Entscheidung, geballte menschliche Irrationalität in einer einzigen Figur zu bündeln. Nur eine starke Story könnte das erträglich und interessant machen. Doch statt Handlung gibt es hier nur eine „Amélie“. Der Chamissoplatz liebevoll, aber arg lieblich nachgebaut, spielt die Rolle des dörflich verklärten Montmartre, ein Ensemble aus kauzigen, aber grundanständigen Nebenfiguren bietet den sozialen Rahmen, dazu schunkelt ein Akkordeon gefühligen Minimalismus. Was „Die fabelhafte Welt der Amélie“ vor der Verkitschung rettete, war ein exorbitanter Überschuss an Ideen. Der fehlt hier. Die fabelhafte Welt der Tiffany Blechschmid ist lediglich mit Bonmots von Goethe und Dostojewski („Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist“) angereichert, passenderweise in Glückskeksen. „Wer immer ihnen eine Komödie versprochen hat: Dies ist keine Komödie“, lauten die ersten Worte. Keine schlechte Idee, die Erwartungen zu Beginn zu senken. Vielleicht ist das Publikum später angenehm überrascht, wenn es dann doch mal lachen muss. David Assmann

POP

Grelles Lustspiel:

Marina & The Diamonds im Astra

Irgendwann setzt sich Marina Diamandis in einen wuchtigen Vintagesessel. Sie seufzt und kippt nach hinten, während ihre Band den nächsten Song anspielt. Natürlich ist das Teil der Show, und das sagt vieles aus über den Abend und über Marina & The Diamonds im Allgemeinen. Die Inszenierung der Waliserin mit griechischen Wurzeln lebt davon, dass sie immer übertrieben ist. Wie im Lustspiel oder bei der Pantomime ist auch die kleinste Gefühligkeit bis in die letzte Reihe erkennbar. Kostümwechsel werden groß angekündigt, und wenn ein Song vom American Dream handelt, nimmt Marina auch mal ein Tablett mit Cola und Burger in die Hand, was ziemlich gut zum Bühnenbild passt: Das beschwört mit seiner blinkenden Leuchtreklame und einem auf Testbild geschalteten Fernseher tatsächlich jenes Amerika herauf, das man aus Hollywoodfilmen kennt. Das ist herrlich grell und ziemlich großartig, weil es ein Alleinstellungsmerkmal ist und gleichzeitig eine Absage an jene Authentizitätsforderung, die in der Unterhaltungsmusik so oft beschworen wird, aber natürlich völlig überflüssig ist – vor allem, wenn eine Stimme so vielschichtig wie bei Marina ist. Die reist durch die Oktaven, kann piepsen und brummen, ist mal Kate Bush, mal Katy Perry. Die pumpenden Beats, die das neue Album „Electra Heart“ teilweise prägen, bleiben dabei erstaunlich weit im Hintergrund. Ziemlich genau so muss Pop 2012 klingen. Jochen Overbeck

ROCK

Berlin Calling:

Plan B im Postbahnhof

Mit einer exquisiten Mischung aus schönem Lärm und feinen Melodien jagen die Hannoveraner Terry Hoax erste Hitzewallungen in den vollen Saal des Postbahnhofs. Alle sind voll Erwartung, die reformierte Band um den Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler wiederzusehen. 1996 hatte sich die formidable Berliner Truppe aufgelöst. Jetzt zeigen sie gleich zu Beginn mit kurz getackerten Stakkatoakkorden und einer rasanten Version des zu „Berlin Calling“ mutierenden Clashhits, aus welchem Holz Haeuslers Telecaster immer noch geschnitzt ist. Zu seinen kräftigen Shouter-Stimmbändern kommen die schwarze Gibson SG von Thimo Sander, Beckmanns muskulöser Bass und Andreas Perzborns knalliges Schlagzeug. Alle Bremsen raus und „Let It Go“. Die Wände wackeln, alles hüpft. Die Band agiert ungestüm und ist doch brillant aufeinander eingespielt, mit traumwandlerischer Präzision. Charme, Energie, Humor und Leidenschaft – alles, was eine mitreißende Band ausmacht, ist da. Auch die unverwüstlichen alten Songs, deren zeitlose Qualität jetzt erst recht strahlt: „Coming Back For More“, „Beam Me Up, Scotty“. Und die neuen Stücke, die sich nahtlos einfügen. Mit dampfenden Bläsersätzen, krachenden Gitarren und hymnischen Melodien. Nach zwei Stunden stehen Plan B zwischen den hingerissenen Fans, alle singen gemeinsam: „This Is Not A Movie“. Berauschend! H. P. Daniels

KLASSIK

Freudig ans Werk: Die Akademie

für Alte Musik feiert Jubiläum

Zum 30. Geburtstag darf man eine Harlekinade wagen: Bisher waren die Protagonisten der Akademie für Alte Musik Berlin naturgemäß eher hinter der Bühne witzig als auf ihr. Jetzt gibt Konzertmeister Georg Kallweit zum Jubiläum im Konzerthaus dem Affen Zucker, halbszenisch wie musikalisch: In Heinrich Ignaz Bibers „Schlachtengetümmel“ von 1673 schleift er einen Kontrabass hinter sich her, dann stiftet er seine Musiker in Telemanns „Wassermusik“ zu beschwipsten Glissandi mit schiefen Tönen an. Für die Zugabe wird der Orchesternachwuchs auf die Bühne geholt, eine schöne Idee.

Solche Augenzwinkereien machen die mittlerweile weltberühmte „Akamus“ nur sympathischer, denn sie lässt keinen Zweifel daran, auf welch professionellem Standard sie nach drei Jahrzehnten aufbaut. Das Barockorchester ist längst in der ersten Liga angekommen. Es ist die reine Freude, diese Musiker zu hören: so spritzig, genau, lebendig und farbenreich kann, muss Alte Musik klingen. Mutig ist es, mit Christian Josts Auftragswerk „Der Zaubergarten“ die Moderne ins Boot zu holen. Ob dramaturgisch, virtuos, gestalterisch: Hier wird alles ernst genommen und dadurch zur wahren Freude. Den meisten Kollegen hat die Akamus voraus, unverbissen und federleicht ans Werk zu gehen, eben auch ans zeitgenössische. Glückwunsch. Christian Schmidt

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