KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

SOUL

Kuscheldeckenweich:

Michael Kiwanuka im Astra

Kaum zu glauben, dass dieser Mann der eigenen Stimme zu Beginn seiner Karriere nicht vertrauen wollte. Michael Kiwanuka steht auf der Bühne im Astra, ruhig, fast zurückhaltend hinter seiner Gitarre. Dann singt er. Tief, rau, „I’ll Get Along“ und „Tell Me A Tale“, den Opener seines Debütalbums „Home Again“. Sanft treibendes Schlagzeug, helle Querflötentöne, ein großartiger Song, lang und länger gezogen in Improvisationen von Kiwanuka und der Band, die ihr Können bescheiden unterspielt. Die ersten zwei Songs – sie könnten gern ewig dauern.

Retro-Soul nennt man das, weil Kiwanukas Sound an die schwarze Musik der 60er und 70er erinnert. Der Großteil seines Publikums war da nicht mal geboren – genau wie Kiwanuka selbst, der oft gefragt wird, warum er Musik mag, die so alt ist. Klingt einfach schön, sagt er. Und schiebt mit „Worry Walks Beside Me“ einen Blues hinterher. Später, wie bei jedem seiner Konzerte, spielt er einen Dank an Jimi Hendrix, der ihn inspirierte. „May This Be Love“ fügt sich perfekt ein in die Songs, die vom Lieben und Nichtlieben handeln. Das Publikum schmust zur kuscheldeckenweichen Akustik-Ballade „Rest“. Ein gemütlicher Sonntagabend, sanft wiegt das schöne „Home Again“. Dem Wunsch nach einer Zugabe entspricht er mit extra viel Soul, „Lasan“: „Uh, when I leave, don’t you cry“. Draußen piddeln zwei sein Plakat von der Wand. Katja Reimann

KLASSIK

40 Jahre Orchester-Akademie:

Jubiläumsfest in der Philharmonie

Tausende Besucher bevölkern das philharmonische Foyer zum Jubiläumskonzert der Orchester-Akademie, derweil in allen Aufgängen und Foyerflächen Musiker stehen. Ein leises Klippklapp tönt von fern, eine Bläsermelodie aus der Nähe – Benedict Masons „Musik für die Philharmonie“, dem Haus zu diesem Anlass auf den steinernen Leib geschneidert, erinnert in seiner sporadisch aufblitzenden Diatonik an das verheißungsvolle Kollektivstimmen, das man so oft im Musiktheater erlebt. Nur stellt man sich dort sicher nicht zu einem Spielmannszug auf, der nun zu schrillen Haltetönen in den großen Saal hineinführt, nimmt der Zugführer nicht selbst Klanghölzer in die Hand, um sich ans Dirigentenpult heranzuklappern: Sir Simon Rattle, von Haus aus Schlagzeuger, sorgt mit für den flirrenden Übergang zwischen dem Pianissimo-Ende der Uraufführung und Bruckners Achter.

Ein großes Werk! Mit einem riesenhaften Orchester, für das fast 130 ehemalige Akademisten zusammengezogen wurden. Ein bisschen Schulfest, nicht mit Blick auf das Niveau der Aufführung, aber doch wegen des spontan formierten SuperSize-Ensembles, tönt zwar aus jedem Takt der Symphonie, aus der Überfülle des Streichergesangs im Adagio wie aus der polternden Heiterkeit anfangs des Scherzo oder den Aufwürfen im Finale mit seinen Blech-Passagen. Aber Sir Simon zieht, justiert und kontrolliert – zum Glück. Anders wäre dieser Apparat auch kaum zu halten. Allergrößte Begeisterung, Rattle wandert durch die Stimmgruppen und schüttelt Hände.Christiane Tewinkel

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