KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Roman Rhode
Foto: Promo
Foto: Promo

POP

Schwalben über den Dächern:

Françoiz Breut und Fredda im Crystal
Das Chanson ist tot, es lebe das Chanson! Fredda trägt eine tätowierte blaue Rose auf dem Unterarm, die langen Haare sind hochgesteckt. Ihre Lieder im schummrigen Club, wo sie das neue Album „L’ancholie“ vorstellt, beschwören das Licht, das Mittelmeer, Wolken, die Liebe, Vergessenheit und Melancholie – alles weit weg von den Dächern von Paris. Fragile Melodien, hübsche widerspenstige Harmonien: Funkelnde Poeme, die Fredda mit sanfter gebrochener Stimme auf der Gitarre und einem Banjo intoniert. Daneben ihr Begleiter, der die kurzen, prägnanten Chansons auf seiner Gibson in die Bergwelt der Appalachen überführt und mit einer Prise Country erdet.

Françoiz Breut trägt eine kleine Rosenblüte am Ausschnitt, hat so dunkle Augenbrauen wie Frida Kahlo und versucht sich mit ihrer Band an einer – so lautet der Titel ihres aktuellen Albums – „Chirurgie des sentiments“. Die Operation gelingt: Galoppierende Gitarrenriffs, Drums und ein orgelndes Fender Rhodes Piano wirbeln viel Staub auf im Niemandsland zwischen Desert-Rock und urbanem Chanson. Breuts angerauter, manchmal durch Lo-Fi-Effekte verfremdeter Gesang segelt wie eine Schwalbe über dem Groove. Und landet mitten im Publikum, als die Chansonnière die Bühne verlässt und mit ihrem Gitarristen ein zartes, intimes Samba-Duett anstimmt – „L’amour, la jeunesse“: ein bezauberndes tête-à-tête, das nicht nur die Piaf alt aussehen lässt. Roman Rhode

KUNST

Höhenluft: Emil Nolde und

die Schweiz im Nolde Museum

In der schleswig-holsteinischen Heimat von Emil Nolde dürfte der Deich die höchste Erhebung sein. Berühmt wurde Nolde als Meermaler. In der Berliner Ausstellung „Der Berg ruft – Emil Nolde und die Schweiz“ kann man den Flachländer nun als passionierten Bergsteiger kennenlernen (Nolde Museum Berlin, Jägerstr. 55, bis 14. 4.; tägl. 10 – 19 Uhr). Mit 25 Jahren unterrichtet Nolde ornamentales Zeichnen am Industrie- und Gewerbemuseum St. Gallen. In seiner Freizeit unternimmt er Bergtouren. Ein detailliertes Aquarell in Schwarz-Weiß von Stiefeln, Wasserflasche und der Plakette des Schweizer Alpen-Klubs verrät das innige Verhältnis zu seiner Ausrüstung. 1896 gelangt der Künstler zu überraschendem Ruhm, weil er das Matterhorn bestiegen hat. In seinen luftigen Aquarellen begegnet er den Gipfeln auf Augenhöhe, aber mit Respekt. Der glutrote Sonnenuntergang, der Schnee, der das Grau der Dämmerung reflektiert, die Wolken über den Bergseen – in der Höhe gewinnt Noldes Kunst an Leichtigkeit. Skifahrer flitzen den Abhang hinunter, Schlittschuhläufer kreisen selbstvergessen auf dem Eis. Noldes Berggeister offenbaren den Charakter der Gipfel, das Matterhorn grinst als kauziger Riese den Menschlein zu. In den Aquarellen gerät die Abgeschiedenheit zur Autarkie. Das Gebirge befindet sich jenseits der Welt und diesseits der Unendlichkeit. Simone Reber

KLASSIK

Abenteuer: Leonidas Kavakos

mit Berliner Philharmonikern

Umgeben von Berliner Philharmonikern ist der Stargeiger Leonidas Kavakos aus Athen zunächst in beinahe scheuer Zurückhaltung zu erleben. Das betrifft seinen Auftritt wie die Musik. Es ehrt den international gefeierten Solisten und Artist in Residence des Orchesters, dass für ihn die Gattung Kammermusik offensichtlich noch Abenteuer bedeutet. In der Triosonate aus dem „Musikalischen Opfer“ von Johann Sebastian Bach über das „Thema Regium“ überlässt der Grieche es eher den Partnern Andreas Blau (Flöte), Olaf Maninger (Violoncello) und Enrico Pace (Klavier), die musikalischen Linien gespannt zu verteidigen, und behält sich die lieblichen Glanzlichter vor. Der Aura des „alten Bach“ vertraut auch die Komponistin Sofia Gubaidulina, indem sie über den Choral „Vor Deinen Thron tret ich hiermit“ eine verfremdende „Meditation“ (1993) vorlegt.

Dann aber geht der Stern einer einzigartigen Interpretation auf: Mit Kavakos, dem ihm vertrauten Pianisten Enrico Pace, dem Klarinettisten Andreas Ottensamer und dem Cellisten Olaf Maninger erhebt sich die Komposition „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen, vollendet 1941 im Kriegsgefangenenlager von Görlitz-Moys und dort auch uraufgeführt. Die Instrumentalbesetzung erklärt sich aus den im Lager verfügbaren Musikern. Hier im Kammermusiksaal spielt der Klarinettist mit einer Dynamik, die scheinbar keine Grenzen kennt, vom „Abgrund der Vögel“, singen die beiden Streicher den Lobpreis „der Ewigkeit Jesu“ wie der „Unsterblichkeit Jesu“ in großen, sehr langsamen, faszinierenden Soli, endend in stillen Höhen der Violine: „L’immortalité de Jésus.“

Die Konzentration der Aufführung, acht Sätze über fast eine Stunde, lässt eine besondere Andacht entstehen, die zu Ovationen führt. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben