KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Spott und Spiel: Fazil Say mit dem Mozarteumorchester im Konzerthaus

Dieser Gang! Völlig entspannt läuft, nein schlendert Fazil Say im Konzerthaus ans Klavier, schiebt die Ärmel nach oben, wirft halb skeptische, halb prüfende Blicke ins Publikum. Eine coole Socke. Man glaubt ihm sofort, dass er in der Türkei gerade erst drei Männer, die ihn wegen Beleidigung des Islam angezeigt haben, als „hergelaufenes Pack“ bezeichnet hat – was ihm prompt weitere Ermittlungen bescherte. Ein wenig spöttisch ist auch sein Anschlag in Mozarts beliebtem Klavierkonzert A-Dur KV 488, hart, rustikal, aber dennoch immer voller Respekt vor der Musik. Say summt in gouldscher Manier mit, verweigert sich doch jeder Versenkung. Er identifiziert sich nicht mit seinem Spiel, vielmehr scheint er die Töne ausstellen zu wollen: Seht her, das ist Mozart. Klingt nicht unbedingt „schön“, macht aber an und reißt mit.

Gleiches gilt nicht für das Mozarteumorchester, mit dem Say seit einigen Jahren gemeinsam auftritt. Ivor Bolton ist ein grundsympathischer Dirigent, selig lächelnd zeigt er, wie viel Spaß er an der Arbeit hat. Doch was hilft’s: Die Salzburger wirken übereifrig, einige Orchesterstimmen sind schneller als andere, Mozarts „Titus-Ouvertüre“ wie Brittens „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“ leiden darunter. Zu einer akzeptablen Klangbalance finden die Musiker in Schuberts 5. Symphonie, immerhin. Besser spät als nie. Udo Badelt

ROCK

Lärm und Leidenschaft:

Motörhead im Velodrom

„We are Motörhead! And we play Rock ’n’ Roll!“ krächzt Lemmy Kilmister zu Beginn jeder Show. Und dann wird dasselbe Ritual zelebriert wie seit dreieinhalb Jahrzehnten. Motörhead knattern auch im Velodrom wieder mit Höllenlärm und atemberaubendem Tempo durch ihren amphetamingeladenen Hochspannungsrock. Phil Campbell fegt über die Bühne, nagelt Rhythmus in die Gitarre, lässt in rasanten Soli spitze Obertöne pfeifen. Mikkey Dee, eingebaut in eine Wand aus Marshall-Verstärkertürmen, wirbelt über seine unzähligen Trommeln, lässt die Stöcke und die blondierten Haare fliegen.

Der fast 67-jährige Lemmy, ganz in Schwarz mit Hut und Stiefeln – neben Keith Richards vielleicht der letzte echte Rock-’n’-Roll-Outlaw – achtelt und sechzehntelt abwechselnd rhythmisch knurpelnd und melodisch drahtelnd auf seinem geliebten Rickenbacker-Bass. Mag sein Gesang auch klingen wie ein heiseres Krähen, so schwingen doch immer auch eine ganze Menge tiefer Emotionen mit. Was ihn so vielen Heavy-Metal-Sängern weit überlegen macht. Wie jeden Abend spielen Motörhead auch im drängelig überquellenden Velodrom wieder ihre bewährten Songs von den alten Platten. Und wenn sie dazwischen neuere Stücke spielen, klingen die auch wieder wie die alten. Dass sie trotz einiger Personalwechsel seit 1976 immer dieselben geblieben sind, dass sich nichts Wesentliches geändert hat bei Motörhead, beantworten ihre rührend treuen Fans mit tosendem Jubel. Denn im Grunde genommen sind auch alte Rock-Rebellen wertkonservativ. In einer modernen Welt, in der sich ständig alles verändert, sollen doch wenigstens ein paar alte Tugenden Bestand haben. Lärm, Energie, Tempo, Leidenschaft, Lebensfreude. „We are Motörhead!“ krächzt Lemmy zum Schluss. „Don’t forget us!“ Wie könnten wir? H. P. Daniels

KLASSIK

Schwärmen und Staunen:

Mark Padmore im Kammermusiksaal

„Adelaide“ – was für ein schöner, wohllautender Name, besonders wenn er von dem Briten Mark Padmore ausgesprochen wird! Der Sänger hat tausend Nuancen, um mit Beethovens Lied in Zärtlichkeit, Schwärmerei und Ekstase zu geraten. Es ist diese Variationsbreite, die seine Interpretationen mit eigener Spannung erfüllt. Als Gast der Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal genießt er die Mitwirkung des Solohornisten Stefan Dohr, und aus dieser Besetzungsmöglichkeit ergibt sich wiederum, dass Raritäten erklingen. Diesmal vor allem „Still Falls the Rain“ von Benjamin Britten auf ein Gedicht Edith Sitwells, das symbolistisch die Schwärze des Krieges behandelt. Ein expressives Lamento, uraufgeführt mit Peter Pears 1955.

Man meint, Pears zu hören durch den Gesang Padmores, der hier von dem Landsmann Julius Drake begleitet wird wie einst der legendäre Tenor von Britten selbst. Im Übrigen ist das Programm deutsch, zu „Adelaide“ und der „Fernen Geliebten“ gesellt sich Schuberts Luise in „Der Jüngling an der Quelle“. Vielleicht wäre ein Schuss Lohengrin zu wünschen, wie Jonas Kaufmann ihn in seine Schubertlieder bringt. Aber Padmores Tonansatz kommt aus dem Umgang mit alter Musik, viel Rezitation ist dabei, die Texte Wort für Wort interpretiert. Und Empfindsamkeit, Staunen: „Herz, mein Herz, was soll das geben?“ Sybill Mahlke

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