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Liebesgrüße aus London:

Roger Norrington beim DSO

Mühevoll ist der Weg zur Philharmonie – doch wer sich aufrafft und durch den Schnee kämpft, wird reich belohnt: von einem glänzend aufgelegten Deutschen Symphonie-Orchester, das pure Musizierlust verströmt. Sir Roger Norrington ist nämlich in der Stadt. Die DSO-Musiker lieben den kauzigen Briten – und seine Experimente, was Repertoirewahl, historisch informierte Interpretation und Orchesteraufstellung betrifft. Für den 78-Jährigen verzichten die Streicher gerne auf das gewohnte Vibrato, die Holzbläser spielen bei Haydns „Uhr“-Sinfonie im Stehen.

Auf maximale klangliche Plastizität legt es Norrington bei dem Werk an, das wie alle anderen des Abends in London entstanden ist. Und die Musiker steigen begeistert auf seine ganz tänzerisch genommenen Rhythmen ein, reizen scharf die Kontrastwirkungen aus, haben richtig Spaß beim titelgebenden Ticken im 2. Satz. Wie schon zuvor die Suite aus Henry Purcells „The Fairy Queen“ verströmt auch dieser Haydn jenes innere Leuchten, das bei symbiotischen Beziehungen von Dirigent und Orchester glücklich entsteht.

Alle neun Sinfonien seines Landsmanns Ralph Vaughn Williams wird Norrington mit dem DSO erarbeiten. Zum Start des Zyklus gibt es am Sonntag die „London Symphony“ von 1913: Breitflächig, mit kräftigen Farben malt der Komponist die City, üppig, spätromantisch, ist der Sound, wie für die Royal Albert Hall gemacht, geradlinig die atmosphärische Erzählweise. Hier will jemand hörbar alle Herzen mit seiner Musik erreichen. Genauso wie Sir Roger. Frederik Hanssen

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Starke Egos: Kammermusik mit Gidon Kremer im Schillertheater

Obwohl er der russischen Geigerschule entstammt, kann man sich bei Gidon Kremer immer sicher sein, dass er heimatliche Literatur ohne falsches, hierzulande aber übliches Pathos spielt. Kremers Interpretationen wirken abgeklärt, gleichwohl sind sie von einer Durchschlagskraft, die andere Violinisten selten erreichen. Beim Konzert im Schillertheater hat er sich mit Giedre Dirvanauskaite am Cello und Khatia Buniatishvili am Flügel Tschaikowskis berühmten Klaviertrios angenommen. Seine Musik gleicht einer Operation am offenen Herzen: das Klangbild von geradezu eherner Ehrlichkeit und schmerzlicher Intensität, die Einblicke tief, Verletzungen unausweichlich. Kremer liebt Brüche, er glättet nichts, was den Stücken meistens gut tut.

Aber er nimmt das Risiko in Kauf, auch zu verstören. Gerade hier zeigt sich, dass drei sehr gute Musiker nicht immer ein überzeugendes Trio abgeben. Erstaunlich oft nehmen es die drei, deren Qualität über jeden Zweifel erhaben ist, nicht so genau mit dem Zusammenspiel, brechen immer wieder in den Vordergrund aus, wirken unorganisch. Das fällt mal in heiklen Unisonostellen auf, mal bei der Klangfärbung, besonders aber in der Agogik. Letztlich ist aber auch das eine Frage des musikalischen Geschmacks. So wie César Francks Klaviertrio Opus 1, das leider nichtssagend bleibt. So schmeckt’s, als wirkte ein Sternekoch im Selbstbedienungsrestaurant. Christian Schmidt

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