KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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JAZZ

Fulminanter Start: 

„Jazz at Berlin Philharmonic“

Dass sich Jazz und Klassik auf Augenhöhe begegnen, sich Zuhörerschaften mischen, hat auch in Berlin Seltenheitswert. Bisher – doch jetzt gibt es „Jazz at Berlin Philharmonic“. In loser Folge soll das klassische Parkett dann Jazzmusikern ein Podium sein. Das Instrument dafür hat früher Alfred Brendel gespielt, bis der Jazzproduzent Siggi Loch den Steinway D-524780 zugunsten von Unicef ersteigerte. Nun kehrt der Flügel in den Kammermusiksaal zurück – und Loch bietet drei seiner Klavierstars für einen fulminanten Serienstart auf. Iiro Rantala, Michael Wollny und Leszek Mozdzer nehmen solo, im Duo oder als Trio am Brendel-Flügel Platz, am Flügel nebenan oder dem E-Piano gegenüber. Drei Musiker, denen Klassik ein selbstverständlicher Inspirationsquell ist. Rantala bezeichnet Bach als den ersten Jazzer, und wie zum Beweis fliegt er jubilierend durch die Goldberg-Variationen, mit ein paar Extranoten. Wollnys Bearbeitung des Pulb- Hits „This is hardcore“ hätte als dunkle Ballade auch Liszt imponiert. Mozdzers klassische Bildung schimmert durch sein leuchtendes Spiel. Zum Schluss jagen sich die drei mit „Armando’s Rhumba“ um die Instrumente. Artistik und Neugier untrennbar verschmolzen. Hätte Brendel, der verschmitzte Klassikdenker, das Konzert gehört, er wäre begeistert von seinen jungen Kollegen. Ulrich Amling

VERSALIEN

Schwindendes Rückgrat: 

The Band of Heathens im Magnet

Vielleicht ist es das traurigste Konzert des Jahres. Höchstens 30 Leute sind zum Auftritt der einst grandiosen The Band Of Heathens in den Magnet Club gekommen. Aber so herausragend und magisch wie beim Konzert 2011 im Maschinenhaus oder auf ihrer jüngsten CD/DVD „Live In Denver“ ist die Band längst nicht mehr. Im Grunde genommen ist das hier auch nicht mehr The Band Of Heathens. Drei der fünf Musiker sind weg, und dass sie fehlen, wird schon bei den ersten Songs klar. Vieles von dem, was die eingeschworenen Texaner einmal ausgemacht hat, scheint verloren. Das ungemein starke Rückgrat leidet mit neuem Bassisten und Drummer unter deutlichem Knochenschwund. Schmerzlich vermisst man Colin Brooks wunderbare dritte Gitarre, seine elementare Stimme, das knorrige Blues-Element. Die einst so berauschende stilistische Vielfalt von Soul, Blues, Folk und Country ist reduziert auf soliden Rock. Die beiden verbliebenen Urmitglieder machen ihre Sache immer noch recht ordentlich, auch wenn Ed Jurdi erschreckend dürr und ausgehöhlt wirkt und seine kraftvolle Soul-Stimme an Gewicht verloren hat. Seine Gitarre kann sich allerdings immer noch hören lassen, ein fabelhaftes Pendant zur Stimme und Gitarre von Gordy Quist. Nach einer feinen Version des Little-Feat-Songs „Willin“, einem schönen A-cappella-Part und ein bisschen Hippie-Gitarren-Gefrickel läuft Gordy Quist mit der noch bühnenwarmen Stratocaster zum CD-Stand, um sie dort zum Verkauf feilzubieten: 800 Euro. Irgendwas stimmt hier nicht. H.P. Daniels

HIP-HOP

Rapper in Rage:

Blumentopf im Postbahnhof

Weil es den Topf seit nunmehr 20 Jahren gibt, waren Cajus, Roger, Wunder (oder auch Holunder), Schu und DJ Sepalot im Mai auf Jubiläumstour. Jetzt bespielen die Münchener Hip-Hopper schon wieder deutsche Hallen – weil es seit September eine neue Platte gibt. Bespielen? Rocken! Schon der erste Track ist die korrekte Ansage für die zweistündige Party im Postbahnhof: „Die Jungs aus’m Reihenhaus lassen die Reime raus“. Sie donnern Beats, freestylen sich in Rage, reißen alle Hände und Köpfe mit, das Publikum nickt fleißig ab. Die Bühne ist Blumentopf-Terrain. Deswegen zeichnete sie das Hip-Hop-Magazin „Juice“ zweimal zu Recht als beste Live-Band aus.

Die bayrischen Rapper schmettern ihre Abgehnummern, „SystemFuck“, „Safari“ und „Mein Block“ sitzen. Entstaubter Neunziger-Jahre-Sound und E-Gitarrenriffs schieben die Nummern an. Wer am nächsten Tag arbeiten muss, scherzt Cajus, soll seine Eintrittskarte als Attest abgeben. Dann wird es ernst: „All diese Jugendlichen ohne Perspektive kommen dir spanisch vor, dein Auto brennt ziemlich gut, du hast Ruß am Garagentor“. Aber klar, gleich relativiert durch Ironie und durchgerüttelte Wortbausteine. Welchen Reim machen sich die Jungs von Blumentopf auf sich selbst? „Wir sind immer noch dieselben, verdammte Antihelden, das Leben ist zu kurz, um USB-Sticks abzumelden.“Michaela Grimm

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