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KLASSIK

Heroisch: Christian Thielemann dirigiert die Berliner Philharmoniker

Gerade erst stand Christian Thielemann, der Unermüdliche, mit Ballett- und Chormusik von Verdi am Pult der Philharmoniker, jetzt ist er schon wieder da. Ein Dauergast, auf den man sich jedes Mal aufs Neue freut (wieder 14. und 15. 12.). Doch ach, was ist das? Nur lauwarm köchelt die See in Mendelssohn Bartholdys Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“, Thielemann kneift den Mund zusammen, er scheint es selbst zu merken. Auch bei Maurizio Pollini, dem Grandseigneur der Klaviermusik, fängt es nicht an zu schäumen. Einzelne Töne in Mozarts Konzert C-Dur KV 467 perlen zwar, im Ganzen spult Pollini aber sachlich und unbeteiligt ein Programm ab, in dem er nichts Neues mehr entdecken will. Routine pur – eine Enttäuschung.

Im Sport kennt man das Phänomen, dass die Spieler nach der Pause völlig verwandelt aus der Kabine kommen. Bei Liszts symphonischen Dichtungen „Mazeppa“ und „Von der Wiege bis zum Grabe“ ist ein Schleier weggezogen: bissig das Blech, fiebrig die Streicher, gespannte Aufmerksamkeit bis zum letzten, unendlich leise verhallenden Paukengrummeln. Der Bayreuth-Kreis, zu dem Liszt ja auch gehört, ist Thielemann eben doch eine Herzensangelegenheit. Wirkte der erste Programmteil wie angeklebt, so wird jetzt klar, dass „Les Préludes“ der eigentliche Anlass für dieses Konzert ist: Jenes von den Nazis für den Russlandfeldzug missbrauchte Stück, das Thielemann rehabilitieren möchte. Tatsächlich klingt das heroische Motiv licht und anmutig, bei seiner Wiederkehr im Finale allerdings doch blechlastig und bombastisch. Ein Schatten, er liegt immer noch über diesem Werk. Udo Badelt

KLASSIK

Himmelwärts: Rudolf Buchbinder beginnt seinen Beethoven-Zyklus

Wie im Flugzeug ist es zuerst: kurz vor dem Abheben noch Schubkraft sammeln, das Riesenhafte der Unternehmung ist bereits zu ahnen, der Himmelsblick auch. Rudolf Buchbinder schaut in den mäßig besetzten philharmonischen Kammermusiksaal, als wolle er eine kleine Ansprache halten. Mit der frühen Sonate f-moll beginnt er seinen großen Zyklus der 32 Klaviersonaten von Beethoven (nächster Termin: 14. Januar) – und neigt noch zum Treiben, lässt im mozartischen zweiten Satz viel musikalische Vergangenheit aufleuchten. Aber dann! Heaven! Vier weitere Sonaten, noch viermal gemeinsam in eine Art Identitätsbüchse schauen, auf der so etwas steht wie „deutschösterreichische Klassik-Romantik, die reine Schönheit musikalischer Form“!

Tatsächlich gewinnt der Abend von Sonate zu Sonate, bis er mit den beiden letzten den Höhepunkt erreicht. Die Jagd-Sonate wird zum Weinen schön, nicht nur im eigentlich schlicht gefassten Menuetto, sondern noch davor, im Scherzo, dessen erstes Thema Buchbinder mit so begeisternder Resolutheit in den Steinway hämmert, dass man dankbar ist für Beethovens Zwang zur Formung. Noch einmal genau dieses Thema, bitte – und Beethoven-Buchbinder liefern natürlich. Der 66-Jährige ist kein Oberlehrer, kein Mystizist, er spielt im Zweifelsfall eher lauter als leiser, eher aufrecht als melancholisch verblasen, er ist der Inbegriff des Interpreten, dem die Musik ebenso viel Atem und Leben gibt, wie sie ihm an technischer und dramaturgischer Souveränität abfordert. Christiane Tewinkel

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