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von

KLASSIK

Winterzauber: Dmitrij Kitajenko

und das Konzerthausorchester

Der „Weihnachtszauber“ auf dem Gendarmenmarkt überglänzt die „Winterträume“, die im Konzerthaus gespielt werden. Denn Tschaikowskys so betitelte erste Symphonie leuchtet eher von innen, steht in g-Moll, lässt an einsame Schneelandschaft denken, an Sehnsucht und Melancholie, wenn die Seele in den solistischen Holzbläsern singt. Dann triumphiert der Trompetenkönig Sergei Nakariakov mit märchenhaften Linien in dem trickreichen, etwas redseligen Konzert von Mieczyslaw Weinberg.

Als Erster Gastdirigent steht Dmitrij Kitajenko dafür ein, dass dem Konzerthausorchester in der Tradition Kurt Sanderlings wieder mehr slawische Musik zukommt, eine glückliche Wahl neben dem neuen Chefdirigenten Iván Fischer. Der feurige Ungar wird durch den ruhigeren Maestro aus Leningrad wohltuend ergänzt. Seit Kitajenko 1969 den ersten Herbert-von-Karajan-Wettbewerb gewonnen hat, macht er eine kontinuierliche, unaufdringliche Karriere, und in seinem russischen Repertoire zeigt er sich als Meister. Er dirigiert mit bezwingend leichter Hand, ohne aus seiner gespannten Gelassenheit in Nachlässigkeit zu verfallen. Harmonierend mit dem Orchester feiert er die Bläsersoli und Streicherfarben in Tschaikowskys Jugendwerk wie auch in der „Feuervogel“- Suite von Strawinsky: glasklarer Klang, kontrollierte Finaleffekte. Es ist ein klassizistischer Dirigierstil, der Höhepunkte und beschwingten Walzer nicht verschmäht. Aber besonders im Adagio cantabile der Symphonie wie im „Reigen der Prinzessinnen“ und „Wiegenlied“ des Balletts fesselt Katajenko mit unpathetischer Selbstverständlichkeit. Winterzauber drinnen und draußen: großstädtische Weihnachtszeit. Sybill Mahlke

POP

Hingebungsvolle Hummer:

Yeasayer im C-Club

Die beiden größten Fans der Band Yeasayer aus Brooklyn hat man immer im Blick bei deren Konzert im Berliner C-Club. Die beiden tragen mit viel Liebe zusammengebastelte Hummerkostüme, zumindest irgendetwas aus dem Bereich Schalen- und Krustentiere stellen sie dar. Der eine geht als linke, der andere als rechte Schere, und diese Scheren überragen wirklich locker das restliche Publikum. So viel Fanhingabe wird dann auch von der Band gewürdigt, die den menschlichen Papphummer extra erwähnt, obwohl den Musikern auch nicht ganz klar zu sein scheint, was der Aufzug genau soll.

Nun gut, wir befinden uns eben beim Konzert einer wirklich hippen Band und dazu kommen nun mal viele dieser Hipster, die in letzter Zeit so viel Spott ertragen mussten, die aber eben wenigstens Wert darauf legen, optisch nicht zu langweilen – und das sollte auch einmal lobend erwähnt werden. Mindestens so verschroben wie die eigentümliche Kostümierung ist ja auch die Musik von Yeasayer. Wenn man versucht, diese in Popkritikermanier zu sortieren, kommt man eigentlich zu gar nichts. New Order, Pet Shop Boys, vielleicht sogar Erasure kann man alles ein wenig heraushören, so richtig aber dann doch wieder nicht. Irgendwie Synthiepop, irgendwie Achtziger, aber halt nur irgendwie. Und da, das klingt doch jetzt wie das Intro zu einem Song der Byrds? Irgendwann gibt man es einfach auf, lässt es mit dem Pop-Snob-Getue und macht es wie all die anderen im Saal: Man tanzt. Am Ende des Konzerts scheinen auch die beiden Hummerscheren glücklich zu sein. In großem Bogen werden die Bastelarbeiten wie Opfergaben auf die Bühne geworfen. Andreas Hartmann

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