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Hohe Dosis. Paul Weller. Foto: Davids/Darmer
Hohe Dosis. Paul Weller. Foto: Davids/DarmerFoto: DAVIDS

KLASSIK

Elegant: Die Berliner Barock Solisten spielen Bach in der Philharmonie

So viele Arten, den Frieden zu beschreiben, die Eintracht, die Kunst, eines Sinnes zu sein: Die Berliner Barock Solisten, diesmal unter Leitung von Philharmoniker-Konzertmeister Daishin Kashimoto, feiern ein Fest der Harmonie, mit vier Bach’schen Konzerten und zwei für Streicher bearbeiteten Orgelfugen. Das aus Philharmonikern und Alte-Musik-Spezialisten zusammengesetzte Ensemble zelebriert einen temporeichen, weniger analytischen als leichtfüßigen Bach. Das Barock vergegenwärtigen sie als Zeitalter der Eleganz. In einem Atem zu denken, synchron zu phrasieren, darauf sind die Philharmoniker als Orchestermusiker ohnehin geeicht, jeder ein Primus inter Pares. Das zahlt sich erst recht aus, wenn sie kammermusikalisch auftreten. Frank Peter Zimmermann bringt als Solist Verschmitztheit ins Spiel, eine Extraportion gute Laune – und die schlanke Schönheit seiner Stradivari, der er ein delikates Legato entlockt, einen vor allem in den langsamen Sätzen berückend entmaterialisierten Ton.

Der Wettstreit Gleichgesinnter im d-Moll-Konzert für zwei Violinen, mit Kashimoto und Zimmermann. Das Largo als auskomponiertes Liebesspiel, bei dem die beiden Solostimmen einander umgarnen, becircen, umschlingen. Das Doppelkonzert mit Oboe (Jonathan Kelly, der Solo-Oboist der Philharmoniker) als filigrane Jagdmusik. Die organischen Crescendi, der Übermut der Allegri, die apart ausgebremsten Schlüsse: Die Aufführung von Bachs Konzerten erfordere weniger Virtuosität als Geschmack, hatte der Geiger Raimar Orlovsky in seiner Anmoderation zu Beginn kurz erklärt. Es mag urtextgetreuere, philosophischere, tiefgründigere Bach-Interpretationen geben, aber kaum welche mit derart erlesenem Geschmack. Eine Labsal für die Seele, dieser dritte Adventsabend in der Philharmonie. Christiane Peitz

KLASSIK

Ehrgeizig: Marek Janowski dirigiert das RSB in der Philharmonie

Man erlebt selten, dass die Werke ein und desselben Konzerts sich gegenseitig infrage stellen. Beim Auftritt des Rundfunk-Sinfonieorchesters mit Marek Janowski am dritten Advent aber ist das so. Strawinskys dezidiert antiromantisches Konzert für Klavier und Blasinstrumente scheint sich genau gegen jene Ausdrucks- und Inhaltsmusik zu richten, die man danach in Liszts Faust-Sinfonie zu hören bekommt. Die Konstellation ist spannend, sehr glücklich machen aber beide Stücke nicht. Bei der maschinenhaften Ausdruckslosigkeit von Strawinskys Gattungsbeitrag sehnt man sich nach dem berüchtigten Klavierkonzert Schönbergs; und die Wiederbegegnung mit Liszts programmatischer Sinfonie (Tenor: Torsten Kerl) verstärkt die Vermutung, dass die geschmähten Faustszenen von Schumann eine angemessenere Interpretation des Stoffes darstellen. Dass Mephisto in Liszts drittem Satz keine eigenen Themen mitbringt, sondern sich an denen Fausts aus dem ersten Satz „vergreift“, wirkt als Idee philosophisch. Das Ergebnis jagt einem aber keinen Schrecken ein: Das festliche Dur-Motiv klingt auch dann nicht dämonisch, wenn man es mit Trillern behängt.

Die Ausführenden selbst sind allerdings hervorragend: Der noch ganz junge Pianist Alexej Gorlatch spielt Strawinsky mit souveräner Nüchternheit und klarster Artikulation, die in diesem Konzert besonders geforderten Bläsersolisten glänzen durchgehend. Unter der unbestechlichen Leitung Janowskis wird die komplexe Motivstruktur aus Liszts Sinfonie bis in die letzte Verästelung nachvollziehbar. Und da man noch die Interpretation des gerade begonnenen Ring-Zyklus’ von Dirigent und Orchester im Ohr hat, lassen sich die zahlreichen Wagner-Anklänge der Partitur erst recht nicht überhören. Benedikt Bernstorff

POP

Energiegeladen: Paul Weller setzt im Huxley’s Gitarren unter Starkstrom

Erst schlagen die jungen Schotten Martin & James mit Akustikgitarren und feinem Harmoniegesang einen leuchtenden Regenbogen von Simon & Garfunkel zu Travis, dann kommt Paul Weller und erhöht die Dosis: Lautstärke, Energie, Aggressivität, messerscharfe E-Gitarren unter Starkstrom. „Up The Dosage“. Und ab geht’s: Schon in der ersten Textzeile, die Weller in die wogenden Wellen des wilden Sounds schreit, zitiert er Duane Eddys Peter-Gunn-Riff und Eddie Cochran, stürzt er sich in eine stilvolle Mischung aus neuen und alten Songs – Motown, R&B, Soul, Doowop, dem rohen Beat der 60er Jahre. Hin und zurück in die energiegeladenen englischen Zeiten der Mods.

„Modfather“ wird Weller oft genannt. Er selbst hasst das Etikett. Ist ja auch seltsam, jemanden als Vater einer Bewegung zu bezeichnen, der noch nicht mal in der Schule war, als diese entstand. Das Mod-Revival in den 70ern hat er dann tatsächlich stark geprägt, mit unfehlbarem Stilempfinden und seinem grandiosen Trio The Jam. „Start“ von 1980 mit dem markanten „Taxman“-Riff der Beatles klingt auch heute noch brillant. Mit den neuen Songs vom jüngsten Album „Sonik Kicks“ führt Weller eindrucksvoll vor, dass er ständig nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht, keinen Stillstand duldet. So lässt er aus alten Einflüssen und Vorlieben Neues entstehen, ohne dem bisherigen Werk untreu zu werden. Im Konzert stellt er eine wunderbare Version von Marvin Gayes Soul-Ballade „How Sweet It Is …“ neben den maschinenhaften Beat von „Dragonfly“, ausufernde psychedelische Gitarrensoli mit dem famosen Saitenmann Steve Cradock in „Foot Of The Mountain“ neben „Around The Lake“, das in seiner maschinenhaften Monotonie an Bowies Berlin erinnert, krautige Tranceklänge neben melodiösen Preziosen wie „You Do Something To Me“. Und seine Band steht hinter ihm wie eine Wand. Auch wenn man schon eindringlichere Konzerte von Weller gehört hat, mit einem besseren Sound – toll war es trotzdem. H.P. Daniels

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