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KLASSIK

Augen auf: Junge Virtuosen

beim „Debüt im Deutschlandradio“

Der Reiz beim „Debüt im Deutschlandradio“ besteht ja in der Hoffnung, hier künftigen Klassikstars zu begegnen, einem neuen Rattle oder Barenboim (die beide ihre ersten Berliner Auftritte in der verdienstvollen Reihe absolviert haben). Am Dienstag ist in der Philharmonie immerhin ein hochbegabter Komponist zu entdecken, der auch dirigieren und Klavier spielen kann. Ryan Wigglesworth hießt er, ist 33 Jahre jung und hat seine „Augenlieder“ mitgebracht: Im besten Wortsinn schöne Musik, enorm fantasievoll instrumentiert, in französischer Aquarellfarbigkeit schimmernd, als wäre die böse Mär von Arnold Schönbergs Dodekaphonie-Revolution niemals bis auf die britische Insel vorgedrungen. Claire Booth’ Solosopran klingt bei diesen sängerfreundlich gesetzten Versvertonungen sogar sinnlicher und durchsetzungsfähiger als zuvor bei Mozarts Konzertarie „Ch'io mi scordi di te“, wo sie vor allem mit kluger Textausdeutung punktet.

Sehr kultiviert, doch leider etwas zu schüchtern bläst der Franzose Alexandre Baty seinen Part in André Jolivets Trompetenkonzert von 1954. Die Partitur aber ist eine echte Entdeckung: raffinierter Kunstmusikjazz für Rotwein trinkende Rollkragenpulliträger. Hier funktioniert Wigglesworths extrem kontrollierter Dirigierstil gut. Bei Mendelssohns „Meeresstille und glückliche Fahrt“ sowie Debussys „La Mer“ jedoch gelingt es ihm nicht, das Deutsche Symphonie-Orchester über die pure Professionalität hinaus zu führen, den Tuttiklang zum Leuchten zu bringen. Frederik Hanssen

ARCHITEKTUR

Rückzug ins Grand Hotel: 

Coop Himmelb(l)au bei Aedes

„Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ – der Romantitel von Wolf Wondratschek könnte auch von den Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au stammen, die etwa zur selben Zeit 1968 mit radikalen Ideen auf den Plan traten. Als „Krawallschachteln“ (Michael Mönninger) wollten sie die etablierte Architektenszene mit nicht domestizierbaren Entwürfen aufmischen. Doch das Imperium schlug zurück, umarmte die Revoluzzer und tat ihnen die denkbar größte Gemeinheit an – es ließ sie bauen.

Nun stehen, aus Anlass des 70. Geburtstags von Coop-Gründer Wolf Prix, die Riesenmodelle in der Galerie Aedes (bis 24.2., www.aedes-arc.de): Ein Kinocenter in Korea, ein Museum in Kalifornien, die BMW-Welt in München, die EZB in Frankfurt, eine Kirche (!) in Österreich, das in Bau befindliche Kulturzentrum in Lyon – allesamt signature architecture wie die in aller Welt hinterlassenen Kuckuckseier von Gehry, Hadid, Koolhaas, bezahlt vom einstigen Klassenfeind. Allesamt Ausweis einer Erfolgsgeschichte – und eines grandiosen Scheiterns. Das Konferenzcenter in Dalian: ein metallenes Schuppentier, doch die Chinesen haben es bautechnisch nicht hingekriegt. Das Musée des Confluences in Lyon: Zwanghafte Versuche, tektonische Strukturen und ästhetische Formen anzudeuten und dann wieder zu zerbrechen. Die bewusst unmotivierten Sprünge und Materialwechsel verschwurbeln die an sich spannungsreiche, provokative Großform. Die zornigen Gesten sind ermattet, der Partisan zieht sich zurück ins Grand Hotel. Falk Jaeger

KLASSIK

Statisch auf dem Stühlchen: 

Piotr Anderszewski spielt Bach

Bach auf dem modernen Flügel bleibt für Piotr Anderszewski eine Herausforderung, der er sich oft genug mit faszinierendem Ergebnis gestellt hat. Auch beim reinen Bach-Recital im Kammermusiksaal macht Anderszewski eigentlich alles „richtig“. Schlackenlos fließt das nahezu pedallose Spiel dahin, er zieht alle Register der rechten Forte-Piano-Abstufungen, die zur Bach-Zeit auf zwei Cembalo-Manuale verteilt waren. Die Allemanden zweier Englischer und einer Französischen Suite geben sich empfindsam, die Couranten schnurren nur so ab, tiefinnerlich ziehen sich die Sarabanden in fast unhörbare Piano-Regionen zurück – alles in mustergültiger Transparenz, Hauptthemen und kontrapunktischen Verwicklungen sind klar erkennbar.

Warum will dann der Funke nicht so recht überspringen? Schon die Haltung des Pianisten, an ein Küchenstühlchen gelehnt, statt sich auf der Klavierbank bewegend, hat etwas Statisches. Gezähmt kommt das Präludium der Englischen Suite Nr. 3 g-Moll daher, das doch ein glühender Lavastrom sein könnte. Das wäre als persönliche Lesart zu akzeptieren, wenn es sich nicht in der Anlage der Suitensätze wiederholen würde. Höhepunkt des akademischen Ansatzes ist das „Italienische Konzert“, das in den Ecksätzen kühl dahinperlt, auch im Andante das Espressivo scheut, als hätte Anderszewski Angst vor jedem Romantizismus. Doch Strenge und Intensität müssen sich nicht ausschließen: Im Prélude der Englischen Suite d-Moll wechseln kühne, farbig schattierte Harmonien mit wilden Ausbrüchen, und die Gigue bohrt sich mit einem Ingrimm in ihre chromatischen Gänge hinein, der das Potenzial dieses Abends ahnen lässt. Isabel Herzfeld

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