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KLASSIK

Musik für die Titanic: Kirill Petrenko

bei den Berliner Philharmonikern

Kirill Petrenko dirigiert Skrjabin aus den Sprunggelenken. Die orgiastisch-schwülen Klangfarbenfluten der „Poème de l’extase“ (1905/08) kanalisiert er mit energischem Gestus, bezwingt das orchestrale Ungetüm des russischen Komponisten mit hellwachem Verstand und seinem berühmten Willen zur klaren Kontur. Großartig, wie er die hochfahrend-überspannte, hypernervöse Musik mit ihren spätromantisch unaufgelösten Sehnsuchtsharmonien und den polyrhythmischen Schichtungen auf die Generalpause kurz vor Schluss zusteuern lässt: die Titanic auf Kollisionskurs Richtung Eisberg. Die Seufzer der Bläser danach sind der klirrenden Stille abgerungen, eine schwirrende, schwebende Endzeitmusik.

Erst Strawinskys „Psalmensymphonie“ von 1948, dann zwei Stücke des Skrjabin- und Strawinsky-Fans Rudi Stephan (der den Ersten Weltkrieg nicht überlebte und mit 28 in Galizien fiel), schließlich das „Poème de l’extase“: ein mutiges, alles andere als gefälliges Programm der Berliner Philharmoniker und des früheren Chefdirigenten der Komischen Oper in diesen Vorweihnachstagen. Mit Werken, die auf je eigene Weise Religiosität und Revolution verhandeln, Kriegswirklichkeit und Friedensträume, Atonalität und das Streben nach höherer Harmonie. Rudi Stephans atmosphärisch dichte „Musik für Geige und Orchester“ (mit Philharmoniker-Konzertmeister Daniel Stabrawa) und seine ebenfalls einsätzige „Musik für Orchster“ sind gleichsam Skrjabin light, mit Klangkaskaden, Wechselbädern zwischen Jazz, Bartók und Impressionismus, dröhnendem Bassgrund, Tritonusfanfaren und ebenfalls reichlich Seufzermotivik. Den schönsten Moment des Abends beschert dem Publikum in der Philharmonie jedoch der Rundfunkchor, wenn er das „Allejula“ der „Psalmensymphonie“ im Zeitraffer aufblühen und vergehen lässt und ein berückend medidatives „Laudate Dominum“ anstimmt. Nur die Philharmoniker wirken bei dieser anspruchsvollen Komposition ein wenig angespannt. Christiane Peitz

KUNST

Flaneur mit Kamera:

Israel Martínez in der daad-Galerie

Zwei Digitaldrucke mit den Titeln „when i walk“ und „flânerie“ halten fest, wie die audiovisuellen Arbeiten von Israel Martínez entstehen. „Einfach durch die Straßen gehen und Leute treffen, beobachten und hinhören“, beschreibt er seine Methode in der Ausstellung „spend time, waste time“ (daad-Galerie, Zimmerstr. 90, bis 2.2. 2013; Mo-Sa 11-18 Uhr). Seine Handykamera trägt der mexikanische Künstler immer bei sich, um „das Unerwartete einzufangen“. Nach zwei, drei Monaten sichtet er das Material und sucht nach Verbindungen. Das mehrkanalige Video „dislocation“ zeigt parallel Ausschnitte auf drei Bildschirmen: ein Wischmopp säubert einen Terrazzo-Boden, von der Person dahinter sind nur die Füße zu sehen; ein Schmutzgewässer entwickelt langsam einen Sog; ein Lichtraster wackelt hektisch im Bild.

Martínez installiert dazu einen Sound, der nicht von vor Ort stammt. Oder doch? Über Kopfhörer sind Chorgesänge zu hören, fahrende Autos, das Sirren kleiner Tiere. Andere Installationen zeigen eine Wellenreiterin, Bohrarbeiten, Kehrmaschinen, Rasenmäher oder Straßenmusiker an Plätzen in Berlin. Dazu erklingen ferne Technobeats oder maschinelle Rhythmen. „Schizophonie“ nennt das die Klangforschung. Dass viele Leute im Sommer einfach nichts gemacht haben und sich durch Berlin treiben ließen, nennt der daad-Gast Martínez als Inspirationsquelle seiner hier entstandenen Werke. Anders in Mexiko. Wegen der Gewaltprobleme herrscht dort oft Angst in den Straßen. Hubschrauberklänge aus Guadalajara flattern deshalb von der Decke der Galerie. Berliner Flaneure würden sich erschrecken. Michaela Grimm

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