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KLASSIK

Tröstende Ferne: Michael Barenboim spielt Tschaikowsky im Konzerthaus

Skeptisch prüft Michael Barenboim seine Geige – alles richtig gestimmt? Dann begleitet er sogar, diskret, das Orchester ein paar Takte während der Einleitung, in der der Solist eigentlich noch schweigt. Alle Sorgen aber zerstieben, als der Solopart einsetzt. Daniel Barenboims Sohn nimmt vom ersten Ton an für sich ein, verführerisch dunkel, bronzen-metallen ist sein Klang, sirenenhaft singend in der Höhe. Nicht jeder Ton gelingt, aber das Allermeiste. Und das will was heißen bei Opus 35 von Tschaikowsky, dem Violinkonzert schlechthin, Inbegriff der Virtuosität, einst von Leopold Auer, dem es als Solist zugedacht war, für unspielbar erklärt – die Musikgeschichte hat anders geurteilt.

Im zweiten Satz träumt sich Barenboim leise, lieblich in eine tröstende Ferne. Beim mörderischen dritten allerdings enttäuscht der 27-Jährige: Er wirkt zu wenig innerlich beteiligt, zu zivilisiert und kontrolliert. Dass Juri Gilbo am Pult der Kammerphilharmonie St. Petersburg den bruchlosen Übergang vom zweiten zum dritten Satz nicht für Knalleffekte ausnutzt, spricht für ihn. Geerdet und herrlich rund ist der Klang dieses vorzüglichen Ensembles in Tschaikowskys Schwanensee-Suite. Die Streicher spielen in festlicher Fülle, doch biegsam wie eine Ähre im Wind, quecksilbrig die Oboen, schönherb die Harfe, umwerfend klangsauber die Trompeten. Gilbos Gestik ist nicht unbedingt elegant, sein raumgreifendes Schaufeln erinnert an die Schiffsschraube der Titanic. Ein Untergang aber sieht anders aus. Udo Badelt

POP

Flirrende Höhe: Brandt Brauer Frick in der Volksbühne

Die Verbindung von klassischer Musik mit Clubsounds ist ja bereits seit einigen Jahren schwer angesagt: Francesco Tristano pendelt zwischen Berghain und Philharmonie, Techno-DJs remixen Karajan, Symphoniker spielen Stücke von Jeff Mills. Auch das Brandt Brauer Frick-Ensemble aus Berlin legt die Grenzen zwischen Klassik und Techno flach. Nach dem gefeierten Debüt „You Make Me Real“ hat sich das Trio für den Nachfolger „Mr. Machine“ zum zehnköpfigen Orchester erweitert, das seine hausgemachten Dance-Grooves mit Violine, Cello, Posaune, Tuba, Harfe, Flügel, drei Perkussionisten und einem Moog-Synthesizer auf die Bühne bringt – ein Projekt, bei dem auch der prätentiöse Werkcharakter zerbröselt, so unbekümmert artikuliert sich ihre Musik in der randvollen Volksbühne. Zwischen Steve Reichs Minimal Music, John-Cage-Klapper-Piano, Kraftwerks Bumm-Tschak-Mensch-Maschine und Sun-Ra-Bigband-Extravaganza entsteht aus den sich verdichtenden Themen eine kleine Kunst der Fuge, die für knapp zwei Stunden Einsichten in das heutige Verständnis von systemübergreifenden Klangwelten vermittelt. Mit rastloser Perkussion, die den ratternden Housebeat einer Rhythmusmaschine imitiert, während der Moog eine nervöse Basslinie pumpt, untermalt von Tuba, Posaune, Harfe und Streicher, deren sphärische Hüllkurven dafür sorgen, das es nicht zu mechanisch klingt. Mittendrin kehren sie für zwei flirrende Clubtracks zur Ausgangsform des Trios zurück, als Elektroduo plus Schlagzeug, mit einem Gastauftritt von Gudrun Gut als Sängerin („Fantasiemädchen, du rockst meine Welt!“), bevor es mit dem Reigen des Menschmaschinentanzorchesters weitergeht, bei dem für zwei Stücke die Schwedin Erika Janunger dazukommt, die dem Ereignis mit ihrer hypnotischen Stimme die letzte Bodenhaftung nimmt. Ja wirklich, das hebt ab, ganz langsam, aber entschlossen dem Christkind zuwinkend. Volker Lüke

KLASSIK

Karibischer Schmelz: John Axelrod

in der Philharmonie

Ein Kommunikationsgenie: Mit dem ersten Schritt aufs Podium der Philharmonie verbreitet John Axelrod gute Laune, wendet sich ebenso gewinnend dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wie dem launig begrüßten Publikum zu. Beide fressen ihm an diesem Abend aus der Hand. Der Amerikaner mit Chefdirigenten-Posten beim Orchestre National de Pays de la Loire zeigt sich so prädestiniert für die funkensprühende Jazz-Sinfonik von George Gershwin, dabei keineswegs auf vordergründige Unterhaltung abzielend. Die „Kubanische Ouvertüre“ entfaltet ihren Reiz aus weitgeschwungener, so gar nicht „kubanischer“, sondern eher zwischen Blues und einer Art „jüdischem“ Idiom changierender Melodik, der die Karibik- Instrumente Maracas (Kürbisrasseln) oder Claves (Klanghölzer) eine rhythmisch feingliedrige Schicht einziehen. Mit Strukturklarheit und viel Klangschmelz wird „Ein Amerikaner in Paris“ zum Höhepunkt des Abends.

Ein Hauch von Strawinskys „Petruschka“ weht durch das Stück, in hart gegeneinander geschnittenen Motivwechseln, der Überlagerung von Klangebenen oder dissonanten Übergängen. Das RSB bewältigt dies genauso glänzend wie Tschaikowskys „Nussknacker“-Suite, eine völlig andere Welt, von Axelrod liebevoll ausgemalt wie ein kindlicher Bilderbogen aus alter Zeit. Weniger gut stehen die Dinge in Gershwins „Rhapsody in Blue“. Die romantischen Verzögerungstaktiken der Solistin Gabriela Montero passen nicht zu Axelrods rhythmisch-schnittigem Temperament. Da helfen auch Monteros Weihnachtslied-Improvisationen nicht viel, die einen eher stereotypen Umgang mit populärem Material demonstrieren. Isabel Herzfeld

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