KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Sybill Mahlk

KLASSIK

Stark: Lautten Compagney mit Bach

in der Gethsemanekirche

Die Pauke, hinter den Violinen und neben den Trompeten postiert, bestimmt das Klangbild, wenn es heißt „Jauchzet, frohlocket“. Bach hat die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums für die drei „Weihnachtsfesttage“ komponiert, und in deren Mitte erklingen sie nun in der Gethsemanekirche. Der Name der veranstaltenden Lautten Compagney setzt voraus, dass aus historischem Bewusstsein musiziert wird. Was die Aufführung aber spannend macht, ist die Mischung aus spieltechnischer Kenntnis alter Musik mit experimentellen Neuigkeiten. Dafür steht Wolfgang Katschner ein, früher selbst Lautenist, jetzt vornehmlich Dirigent. Seine Partner neben der Compagney sind die Vokalensembles Capella Angelica und Kammerchor der Sing-Akademie zu Berlin, aus denen alle Solisten hervortreten. So der Altist Stefan Kunath mit jugendlicher Klarheit in der Arie „Schlafe, mein Liebster“ oder der Tenor Christian Rathgeber mit der fein sekundierten Flötenarie „Frohe Hirten“, die er in virtuoser Andeutung bewältigt. Nichts Salbungsvolles ist dabei, nichts Kulinarisches, eher ein improvisatorisches Element, ja fast Ungeduld: „Bereite dich, Zion.“ Besonders die Choräle sind Katschners Abenteuer mit instrumental-vokalen Wechselspielen, schwingenden Tempi und Andachtsmomenten. Obwohl das Oratorium hauptsächlich aus Parodierung älterer Kompositionen zusammengefügt ist, stellt sich mit der Interpretation Einheit her, eine vitale Rede zum Fest der Geburt Christi. Sybill Mahlke

KLASSIK

Satt: Anhaltische Philharmonie

Dessau im Konzerthaus

Wenn Konzertveranstalter Hans Reimann seine Clubmitglieder zum Weihnachtskonzert lädt, darf man von großen Erwartungen, aber auch viel Dankbereitschaft ausgehen. Diesmal ist die Anhaltische Philharmonie zu Gast: Es gibt skandinavische Hochromantik auf die kulinarische Art: Nach dem Finlandia-Schinken schwingt der Dessauer Generalmusikdirektor Antony Hermus die Peer-GyntWurst, um mit der zweiten Sinfonie von Jean Sibelius das Maß der Festtagsschlemmereien voll zu machen. Dabei entzündet der erst 39-jährige Dirigent eifrig nordische Feuer in winterlicher Düsternis. Aufrauschend, bisweilen hyperaktiv macht Hermus aus jedem Sforzato einen Staatsakt, um einige Takte weiter eine noch so kleine Kontrabassfigur als künstlerische Neuentdeckung zu feiern – reichlich theatralisch, aber die Ergebnisse lassen sich hören. Das Dessauer Orchester mag über die Kasperlefigurinen am Pult schmunzeln – die Energie ihres Chefs setzen die Musiker entschlossen um. Besonders die Streicher überraschen mit einem Klangbild, das zum ehrwürdigen Ort passt; Klarinetten- und Fagottsoli betören vielfarbig und weihnachtswarm. Nicht viele Orchester pflegen so eine Pianissimokultur. Nur Soprankollegin Angelina Ruzzafante hüllt Solveigs Gesänge mit reichlich Operntüll ein und nimmt der Griegpartie mit Unterspannung in der tiefen Lage jede Zartheit. Sei’s drum – die Musik bleibt auch nach tausend Klassikradioschleifen gut. Christian Schmidt

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