KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

MUSIKSHOW

Hose rauf: Mark Scheibes

Berlin-Revue in der Distel

Toll, wie das rote Einstecktuch des Gastgebers lässig aus der Brusttasche seines Smokings winkt. Nur das von Entertainer Mark Scheibe extra zur Feier der Wiederauferstehung seiner Berlin Revue angeschaffte Bleinkleid will partout nicht sitzen. Dabei hasse er es, wenn die Hose auf halb acht hängt, klagt der bekennende Snob von der Bühne, „schließlich habe ich Werte!“ Auch musikalische. Sein 13-köpfiges Orchester hat der singende Pianist, Komponist und Arrangeur diesmal mit einer Harfenistin aufgerüstet. Die kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Sonntagabend im Kabarett-Theater Distel mehr rutscht als eine Hose. Die bis 2011 im Admiralspalast stationierte, für ihren üppig arrangierten Musikmix und Witz gerühmte Show passt räumlich zwar gut in die neue Spielstätte, wo sie, wie gehabt, einmal im Monat läuft (Friedrichstr. 101, wieder am 3. 2.), aber der alte, oft traumwandlerisch aus Bühnenchaos geborene Flow zwischen Musikern, Gastgeber und Gästen ist noch nicht wieder da.

An den großartigen Sängerinnen Astrid North oder Anna Franken und dem witzigen Martin Goldenbaum lag das beim Auftakt nicht. Auch die interessante Kombi eines hingehauchten Innerlichkeitstextes à la Hamburger Schule von Sängerin Lisa Who im James-Bond-Sound von Mark Scheibe orchestriert ist so nur bei ihm zu hören. Also gilt: Wenn der Meister zur nächsten Show eine andere Hose anzieht und statt der stimmlich nicht gedeckten Crooner-Pose wieder den Frechdachsposten hinterm Piano bezieht, wird’s was werden. Gunda Bartels

KLASSIK

Tempo runter: das letzte Weihnachtsoratorium der Saison

Geschwind, geschwind, das himmlische Kind: So wie die Akademie für Alte Musik und die Audi Jugendchorakademie unter Leitung von Martin Steidler Bachs Weihnachtsoratorium in extremsportlichem Tempo angehen, gerät der Abend zum Kehraus am Ende der besinnlichen Tage. Sänger wie Musiker sind wendig und leichtfüßig genug, um bei den Kantaten I und IV–VI unverletzt über die Ziellinie zu gelangen. Aber spätestens bei den turbulenten Arien „Großer Herr, o starker König“ und „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“ spielt die Hallenakustik der Gethsemanekirche nicht mehr mit: Im Zeitraffer verwischen Konturen und Koloraturen zur barocken Gewitterklangwolke – zumal die historischen Instrumente ohnehin weniger Glanz verbreiten als moderne Trompeten oder Oboen.

Macht nichts: Der blütenreine, anmutige Gesang der jungen Choristen wird vom bewährten Temperament der Alte-MusikAkademisten angenehm aufgeraut. Die Solisten bewegen sich als primi inter pares zwischen den Polen, Julien Prégardiens geschmeidig parlierender Evangelist, Rebecca Martins heller Alt, Konstantin Wolffs schlanker Bass und Joanne Lunns theatral-deklamierender Sopran. Schön, wie sie gegen Ende immer mehr Spielfreude an den Tag legen und die Szene zwischen Herodes und den Weisen aus dem Morgenlande mit List, Tücke und funkelndem Furor ausstatten. Weihnachten 2013 kann kommen. Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben