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JAZZ

Geständnisse: Thomas Meinecke und Alexander von Schlippenbach im Hau

Beim Plattenspieler, zu dem der Schriftsteller und DJ Thomas Meinecke sechsmal im Jahr einlädt, variieren die Gäste. Das Setting dagegen – zwei Turntables, Mikrofone, ein Mischpult, eine Leinwand, auf der die LP-Cover projiziert werden – bleibt konstant. Meinecke lernte Alexander von Schlippenbach bei der Jazzkonferenz „Lost in Diversity“ in Heidelberg kennen. Schlippenbach referierte dort über seine Erfindung des europäischen Free Jazz, und Meinecke legte Jazzplatten auf. Dass Meinecke seine Jazzbegeisterung dem Publikum bisher unterschlagen hatte, war nur eine Überraschung dieses bekenntnisreichen Abends.

Die ersten Jazzplatten kauften sich Meinecke und Schlippenbach bereits als Teenager. Die Frage des Autors, warum sie sich noch vor der ersten Ejakulation mit Jazz eingedeckt hätten, beantwortete Schlippenbach souverän mit der Beschreibung, wie er sich vor 60 Jahren mithilfe dieser Musik „eine kleine Gegenwelt“ geschaffen habe.

Beim Plattenspieler werden LPs aufgelegt und besprochen: Schlippenbach begann in der Frühzeit des Jazz mit Louis Armstrong und „High Society“, anderthalb Stunden später legte er Art Blakeys Jazz Messengers „At the Cafe Behemia“ auf, eine Blue-Note-LP von 1955. Meinecke überraschte Schlippenbach mit der Pianistin Mary Lou Williams und „A Fungus A Mungus“ von 1963, die der große Berliner Pianist fasziniert als „improvisierten Prokofjew“ charakterisierte.

Als Schlippenbach „Monk’s Mood“ auflegte, sagte Meinecke, dass Monk für ihn die bedeutendste Persönlichkeit der Musikgeschichte sei. Wenn er am Ende des Lebens nur eine Platte auswählen dürfte, dann jene. Schlippenbach signalisierte Zustimmung, nach fast drei Stunden verbeugte er sich – um über sein eigenes Werk und seine Zeit mehr zu erfahren, müsste ein weiterer Plattenspieler verabredet werden. Christian Broecking

KLASSIK

Gewinndenken: Die Staatskapelle

mit Giovanni Antonini

Wenn die Staatskapelle Alte Musik spielt, lässt sie sich selbstverständlich nicht an den Katzentisch eines vermeintlichen Originalklangs setzen. Also tönen Bachs Brandenburgische Konzerte, in der Philharmonie von einer kleinen Orchesterabordnung dargeboten, nach sanftem Glanz und Leichtigkeit. Und nach der Zurückhaltung von Musikern, die sonst in einer Riesengruppe spielen und nun in das schöne Zwischenreich des Kollektiv-Solistenwesens gelangen. Schließlich sah schon Bach für die sechs Stücke, die er 1721 an den Markgrafen von Brandenburg sandte, variierende Solo-Tutti- Kombinationen vor.

Ganz vorn steht nun freilich der Alte-Musik-Experte Giovanni Antonini, auswendig dirigierend, diesen Konzerten (und dieser Gruppe) mit Achtsamkeit und weitem Herzen ganz gewidmet. Manchmal tritt er auch in ein freundliches Duell um die schönste Gestaltung – im zweiten Konzert zum Beispiel, wo er, nun seinerseits mit Blockflöte, wunderbar singende Melodiebögen spielt, nach rechts sich beugt, nach links sich biegt, und erhofft, erwünscht, erwartet, dass die anderen drei Solisten sich gern anstecken lassen.

Schöner noch, einheitlicher in Ton und persönlicher Identifikation wird das sechste Konzert mit Felix Schwartz und Volker Sprenger (Bratsche) und Hartwig Groth und Egbert Schimmelpfennig (Gambe): eigentümliche Farben, und schon der erste Satz schwingt wie ein perfekt eingestelltes Spinnrad. Zum Finale kommt Dorothee Oberlinger als Zweit- Blockflötistin, Sergio Comei sekundiert am Cembalo, und auf der Bühne wird ein allerletztes Mal um Solo- und Gruppenklang, um Alte-Musik-Finessen und lang ererbte klassisch-romantische Orchesterkultur gespielt. Gewinnen tun natürlich – alle. Christiane Tewinkel

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