KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

JAZZ

Funkelnde Zwischenwelten:

Steve Kuhn im A-Trane

Mit „Four“ eröffnet der Pianist Steve Kuhn seinen zweitägigen Konzertaufenthalt in Berlin, und gleich diese Miles-Davis-Komposition dient ihm als eine Hommage an die große Zeit des Jazz. Leidenschaft, Distanz und Empathie verbinden sich im Spiel des gebürtigen New Yorkers zu dem großen Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Das Zeitgespür setzt aus, Kuhns Musik entführt in eine Zwischenwelt, wer den Film „Jazz an einem Winterabend“ drehen möchte, hätte hier das ideale Setting. Was Kuhns Interpretation der Jazzgeschichte an diesem Abend so besonders macht, ist der offene Dialog mit seinen Partnern Buster Williams am Bass und Joey Baron am Schlagzeug. Der moderne Jazz hat die Rhythmusgruppe aus ihrer Begleiterrolle geschubst, was aus der neuen Freiheit wurde, zelebriert Kuhns Trio mit großer Freude, Virtuosität, Expertise. Kuhn ist ECM-Künstler, die Kompositionen, die er von seinem jüngst erschienenen Album „Wisteria“ vorstellt, sind balladeske Schmuckstücke, wie „Adagio“ aus eigener Feder oder der gleichnamige Titelsong von Art Farmer. Auch mit jenem einflussreichen Flügelhornspieler spielte er vor einem halben Jahrhundert zusammen. In kurzen Zwischenansagen bemüht sich Kuhn, Ordnung in das Puzzle seines Jazzlebens zu bringen. Die Ballade „Emily“ stellt er als Komposition von Johnny Mandel vor, doch für die Jazzimprovisation entdeckt hat dieses Stück einer der großen Einflussgeber von Kuhn, der 1980 verstorbene Pianist Bill Evans. Kuhn bedankt sich beim Publikum dafür, dass es diese Musik unterstützt, er und seine Mitspieler hätten ihr das Leben gewidmet. Ein großer Einstieg in eine andere Welt, überzeugend, würdevoll, faszinierend. Christian Broecking

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