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KLASSIK

Ohne Götter: zur Eröffnung

des Ultraschall-Festivals

Das klassische Altertum bildet den Auftakt zum Festival für Neue Musik Ultraschall – kein Widerspruch, beweist Vykintas Baltakas mit seinem erstmals in deutscher Sprache aufgeführten Musiktheater „Cantio“: Die Vergangenheit kann so ungewiss sein wie die Zukunft. Was geschieht, wenn die Götter die Stadt verlassen?, fragt die mythische Rednerin Psel. Die Glaubwürdigkeit, mit der die Sprache aus Fantasie Realität macht, hat den jungen litauischen Komponisten dazu bewegt, sie zur impulsgebenden Kraft seiner Musik zu machen. In Cornelia Hegers stark stilisierter Inszenierung von „Cantio“ (Konzerthaus, wieder am 19. und 20.1.), verzahnen sich Sprache und Musik obendrein mit Bewegung. Das Ergebnis: eine faszinierend subtile Osmose der Ausdrucksmittel, jenseits von herkömmlichem Musiktheater. Die autonomen Linien in altgriechischer Sprache, die Vivian Lüdorf (Psel) glockenrein durch immer dichtere Schichten aus gestischer Musik und sprechender Bewegung webt, lassen zum Schluss glauben, dass die Wahrheit im Fragment liegt. Ultraschall 2013 widmet sich aber auch der jüngeren Vergangenheit: 50 Jahre Elysée-Vertrag geben Anlass zur Überlegung, wie Frankreich und Deutschland, individuell wie gemeinsam, die Musiklandschaft seitdem geprägt haben. Das Festival läuft bis 27. Januar. Infos: www.dradio.de/dkultur/sendungen/ultraschall). Barbara Eckle

KLASSIK

Ohne Dirigent: Murray Perahia

bei den Berliner Philharmonikern

Eine Lösung für die Rattle-Nachfolgefrage ist es nicht, aber bei klassischen Solokonzerten kann das Musizieren ohne Dirigenten eine lohnende Alternative sein – zumal es zu Mozarts Zeiten üblich war. Dennoch hätte Murray Perahia gut daran getan, seine Rolle an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern auf die eines Primus inter Pares zu beschränken. Bereits in Mozarts letztem Klavierkonzert B-Dur steht er sich mit seiner Doppelrolle als rechtschaffener Orchesterleiter und Weltklassepianist im Wege. Der gepflegte Klang, den er in den Ritornellen mit sauberen Dirigierbewegungen erzeugt, kann es mit dem Zauber seines Anschlags nicht aufnehmen. Wenn seine Hände allerdings an die Tasten gebunden sind, steigert sich seine musikalische street credibility immens und es entstehen Momente orchestraler Kammermusik, wie sie Aufführungen zu Mozarts Zeit gekennzeichnet haben mögen. Hobby-Musiker leiden mitunter daran, nie die Perfektion zu erreichen, die ihnen vorschwebt. Für sie mag Perahias Dirigat von Schuberts „Grand Duo“ (in der Orchesterfassung von Joseph Joachim) ein Trost sein: Unökonomische Bewegungen und wohl auch etwas Nervosität verhindern, dass sich gelungene Details zu himmlischer Länge addieren. „Wo ist das Klavier?“, fragt das Mädchen auf dem Nachbarsitz. Carsten Niemann

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