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FILM

Schönheit und Zerstörung:

„Valley of Saints
“ aus Kashmir

250 Rupien kostet die Bootsfahrt, ein wirklich guter Preis, sagt Gulzar zu dem Touristenpärchen – und bringt es zu den Inseln des Dal-Sees, mit Ausblick auf das „Tal der Heiligen“. Mit dem herzförmigen Ruderblatt sticht Gulzar (Gulzar Ahmed Bhat, auch im realen Leben Bootsmann am Dal-See) ins bräunliche Wasser, eine tausendfach eingeübte Bewegung. Doch eigentlich will er raus aus diesem Leben am See, an dem er alleine mit seinem herrischen Onkel wohnt. Mit seinem Freund Afzal (Mohammed Afzal) will er weg nach Delhi, weg von der Armut und den Kämpfen in der Kaschmirregion.

Es ist der erste Film, den der in den USA lebende Musa Syeed in der Heimat seiner Eltern gedreht hat. Dabei wurde das Projekt über das Leben an einem heiligen See schnell auch politisch. Wenn etwa ein Lastwagen mit bewaffneten Unabhängigkeitskämpfern an den Freunden vorbeirast, schlägt das bedächtig erzählte Porträt Gulzars in eine Kriegsdoku um. Eine Ausgangssperre wird verhängt – das war’s mit dem großen Ausbruchstraum.

Glück im Pech: Gulzar soll sich um die junge Wissenschaftlerin Asifa (Neelofar Hamid) kümmern, die auf einem luxuriösen Hausboot festsitzt. Eifrig bieten sich die beiden Freunde der schönen Frau als Fremdenführer an. Bollywood-Schwulst aber weiß Syeed, der sich mit Dokus über das migrantische New York profilierte, ebenso zu vermeiden wie die Radikalitätsfalle des Öko-Protests. Da ist das atemberaubende Panorama mit See und Himalaya und Sonnenuntergängen, und da ist Gulzar, der sich für die spröde Studentin durch Algenklumpen kämpft, während Wasserflaschen aus den Hausbootfenstern herabregnen. Beides will ausgehalten sein: Schönheit und Zerstörung.

Die Heiligen, die der Legende zufolge das Tal von einem Dämon befreiten und den See anlegten, haben die Menschen verlassen, glaubt Gulzar. Oder sind wir – wie „Valley of Saints“ denn doch etwas pathetisch suggeriert – selbst für die Schöpfung verantwortlich und entsprechend in der Pflicht? Ein merkwürdiger Frieden liegt über dem baufälligen Haus am See, in dem ein alter Mann seinem Neffen einen Segenskuss auf die Stirn gibt (in fsk und Lichtblick). Nantke Garrelts

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