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KLASSIK

Nonchalant: Hartmut Haenchen und das Kammerorchester C.P.E. Bach

Es ist ein angekündigter Abschied. Im Mai 2014 werden Hartmut Haenchen und sein Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach nach 30 Jahren ihre Konzerttätigkeit beenden. Am Sonntag ist zu erleben, dass Haenchens Ensemble, aufgemischt durch die zum Teil aus reinem Idealismus spielenden Musiker aus Berliner Spitzenorchestern, nichts von seinem Esprit verloren hat. Mit welcher Grandezza es die 33. Sinfonie Mozarts in ein Spektrum schillernder Farben taucht, zeugt vom Gleichgewicht aus Musizierfreude und ernstlichem Interesse, das der manchmal groben Nachlässigkeit großer Orchester wohltuend entgegenwirkt.

Dafür findet Geiger Serge Zimmermann in Mozarts 4. Violinkonzert diese Leichtigkeit in der Einfachheit nicht. Die technischen Mängel mögen tagesformabhängig sein, das Kratzen unter der Oberfläche muss der erst 21-jährige Solist erst noch entdecken.

Hartmut Haenchen aber, der zurzeit in Holland eine Wagneroper nach der anderen dirigiert, dreht mit seiner Nonchalance jedem skeptischen Puristen eine Nase: Die Spielweise seines Orchesters überzeugt trotz Vibrato und seltsamer Akzentuierung gerade beim unterschätzten Bach-Sohn und Namenspatron. Haenchen spürt Widersprüche auf und führt sie vor, ohne die Galanterie bogenreicher Phrasierung zu durchbrechen. So bleibt sich das Kammerorchester C.P.E. Bach auch in einer Zeit ständiger Neuerfindung der Alten Musik treu, und das ist etwas sehr Wertvolles. Christian Schmidt

ROCK

Tiefblau und berauschend:

Aimee Mann im C-Club

Etwas größer hätte der Auftrittsort schon sein können für Aimee Mann. Knapp zehn Jahre nach dem letzten Berlin-Konzert der US-Songwriterin in der UdK ist es knalleng im ausverkauften C-Club. Doch irgendwie auch schöner. Nicht so brav bestuhlt, mit besserem Sound und besserem Vorprogramm als damals. In halsbrecherischem Tempo rattert Ted Leo melodischen Folkpunk aus einer E-Gitarre. Aimee Mann kommt dazu, singt mit, spielt Bass. Sehr lässig in kurzer schwarzer Lederjacke, mit langen Bluejeansbeinen, knallblonden Haaren, kontrastiert von einer Nana-Mouskouri- Brille, die ihr eine leicht lehrerinnenhafte Strenge verleiht.

Nach kurzer Pause kommt sie zurück, mit Akustikgitarre und kompletter Band. Sie singt eine hübsche Reihe Songs von ihrem exzellenten neuen Album „Charmer“. Mit dieser umwerfenden Stimme, die im Timbre immer ein wenig an Chrissie Hynde erinnert. Wie tiefblauer Rauch. Schöne Reminiszenzen an die Sechziger, Dingel- Dängel-Gitarren, wunderbare Melodien, die so einfach klingen, und doch so viele Akkorde erfordern, Beatles-Harmonien, brillante Mehrstimmigkeit. Und wenn Aimee Mann diese kleinen Kiekser macht oder ihre Stimme über große Intervalle springen lässt, wirkt es immer völlig entspannt und niemals gekünstelt. Nach einer berauschenden Version von „Save Me“, dem Song, mit dem sie 1999 als Teil ihres Soundtracks zum Film „Magnolia“, bekannt geworden war, sowie einer exquisiten Interpretation von „Little Bombs“ von 2005, hat sie als fünfte und letzte Zugabe noch eine besondere Überraschung: Aimee Mann bekennt sich zu Thin Lizzy als großem Einfluss auf ihr Songwriting und singt im Duett mit Ted Leo zum ersten Mal Phil Lynotts „Honesty Is No Excuse“ vom ersten Thin-Lizzy-Album aus dem Jahr 1971. Umwerfend. H. P. Daniels

KLASSIK

Erste Frühlingslüfte:

Anna Prohaska im Kammermusiksaal

Dem kalten Winterabend setzt Anna Prohaska Frühlingshaftes entgegen. Ihre Zugabe aus Bachs „Hochzeitskantate“ krönt ihren Auftritt im Kammermusiksaal charmant und schlicht zugleich – „wenn die Frühlingslüfte streichen, pflegt auch Amor auszuschleichen.“ Ansonsten ist ihr Recital mit dem Ensemble „Arcangelo“ den Gefühlsergüssen der Londoner Oper des 18. Jahrhunderts gewidmet. Henry Purcell war der ungekrönte König der englischsprachigen Semi-Opera, die Georg Friedrich Händel mit italienischem Gusto vertrieb. Doch auch in diesen Gesängen von erlesener Künstlichkeit punktet Prohaska mit dem unverstellt natürlichen Einsatz ihrer zierlichen, manchmal fragil wirkenden Person.

Dass sie mit ihrem schlanken, klaren Sopran die halsbrecherischsten Koloraturen lupenrein präsentiert, ruft immer wieder rasenden Beifall hervor. Doch Prohaska hat es nicht nötig, mit Technik zu blenden. Alles an ihr ist Ausdruck: der rasenden Furia Armida aus „Rinaldo“, der triumphierenden „Agrippina“, der klagenden, sich mit vielen koketten Tongirlanden in einen Lorbeerbaum verwandelnden Nymphe Dafne. So reizvoll Händels Arien sind, so zielt Purcell vielleicht tiefer: Eindringlich, zu Herzen gehend strömt die chromatisch seufzende Melodie in der Arie der Juno aus „The Fairy Queen“: „O let me weep.“ Sensibel sind die Auftritte Prohaskas mit den Instrumentalstücken des jungen Ensembles abgestimmt, das Originalklang auf modernem Interpretationshintergrund hervorbringt. Pastellfarben mischen sich Oboe, Blockflöte und Fagott zum zarten Saitenzupfen der Theorbe. Ein stimmungsvolles Panorama der Barockmusik, von Jonathan Cohen vom Cembalo aus animierend geleitet. Isabel Herzfeld

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