KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Brücke nach Amerika: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Kennen Sie zufällig eine Privatperson oder eine Firma, die in den den nächsten drei Jahren 75 000 Euro jährlich für eine ausgezeichnete musikalische Sache erübrigen könnte? Wenn ja, dann erinnern Sie sie doch bitte daran, dass die Spectrum Concerts diese Summe benötigen würden, um nicht nach ihrer jetzigen 25. Jubiläumssaison in der bisherigen Form beendet zu werden.

Warum das ein schmerzlicher Verlust wäre, hört man natürlich auch beim Jubiläumskonzert im Kammermusiksaal. Da ist zum einen das Programm, das eine intelligente Brücke von Europa nach Amerika schlägt: Von Brahms Streichsextett über das Sextett op. 37 seines Schützlings Ernst von Dohnányi, das Wiener Schmäh und karibische Rhythmen in völlig überraschender Weise kombiniert und in diesem Zug wiederum den „Kontrasten“ für Violine, Klarinette und Klavier ähnelt, die Benny Goodman bei Béla Bartók bestellte. Und da sind zum zweiten die Interpreten. Man scheut sich, einzelne Namen wie etwa die der aufstrebenden Violinisten Linus Roth und Alexander Sitkovetsky hervorzuheben, weil es da ja zum dritten auch noch den sich in jedem Konzert manifestierenden interpretenübergreifende Geist der Reihe gibt. Es besteht, so unterschiedlich die Besetzungen auch zusammengewürfelt sind, in der absolute Aufmerksamkeit und Achtsamkeit,die die Spieler untereinander hegen. Ob bei Brahms oder Bartók: Immer entsteht eine Verbindung von Innigkeit und Transparenz bei klarer Eigenständigkeit der Stimmen, die ein Vorbild für menschliche Kommunikation an sich ist. Es wäre ein Jammer, wenn sich Berlin das nicht mehr leisten könnte. Carsten Niemann

KLASSIK

Härchen im Wind: Katia und Marielle Labèque im Konzerthaus

Zwei Flügel, innig ineinander verschränkt, das sieht erstmal ganz propper aus. Aber so ganz alleine auf einem großen Podium, ohne Orchester, können sogar Flügel schnell verloren wirken. Wenn jedoch zwei diese Leere füllen können, dann sind es die Schwestern Katia und Marielle Labèque, die seit vielen Jahren als Team auftreten. Stupend, wie instinktsicher die beiden im Konzerthaus in den beiden ersten Sätzen von Debussys „Nocturnes“ aufeinander reagieren, feinfühlig wie Härchen auf der Haut, die im Windhauch zittern. Trotzdem wird es kein Abend, der impressionistisch, „französisch“ flirrt und sich in Anspielungen verliert. Sondern im Gegenteil einer, bei dem völlige Klarheit herrscht. In Ravels „Rapsodie espagnole“ – die, anders als der Name erwarten lässt, ganz ohne folkloristische Knalleffekte auskommt – arbeiten die Schwestern differenziert die Form heraus, schrauben sich in ein schwindelerregendes Tempo hinein, lassen die Läufe abstürzen.

Weniger ist mehr: Es wird ein überraschend kurzes Konzert. Die drei Préludes von Gershwin nach der Pause dauern kaum zehn Minuten, nach eineinhalb Stunden ist alles vorbei. Dennoch bleiben keine Wünsche offen, das Programm ist anregend und liebevoll zusammengestellt: zwei Impressionisten, Gershwin als Übervater des symphonischen Jazz – und Philip Glass’ „Vier Movements für zwei Klaviere“ (2008). Ein Spätwerk, in dem Glass – dessen neue Walt-Disney- Oper am gleichen Abend in Madrid uraufgeführt wurde – die dogmatische Schule der Minimal Music hinter sich gelassen hat. Das Stück ist sinnlich, kontrastreich und voller hypnotischer Kraft. Bei den Labèque-Schwestern verschwimmt nichts im Diffusen, kristallin liegen die Strukturen offen. Und weil Gershwin so arg kurz kam, gibt’s als Zugabe noch Auszüge aus der „Rhapsody in Blue“. Udo Badelt

KLASSIK

Fusionsprozess: Irish Chamber Orchestra im Konzerthaus

Die Grußworte sind viel zu lang und trocken, und außerdem ist der 21. Januar etwas spät für ein echtes Neujahrskonzert. Wenn die Kulturstiftung Europamusicale „das abstrakte Gebilde Europa durch die Kultur für den Bürger erfahrbar und sympathisch“ machen will, sollte sie sich ein Beispiel an dem Jugendorchesterfestival young euro classic nehmen: Ebenfalls im Konzerthaus, macht es seit Jahren vor, wie man ViPs, Orchester aus allen Ländern und ein breites Publikum auf ungezwungenere Art zusammenbringt. Als Kulturmarketing für Irland, dessen EU-Ratspräsidentschaft den Anlass für die Veranstaltung gibt, funktioniert der Auftritt des Irish Chamber Orchestras trotzdem: Man hört, dass Irland im Kammerorchesterbereich über ein wendiges Spitzenensemble verfügt und hat Gelegenheit, mit Ailish Tynan eine der besten Sopranistinnen des Landes (mit glänzender Begabung fürs klassische und frühromantische Repertoire) zu erleben. Der bayerische Kulturstaatsminister Ludwig Spaenle aber kann sich freuen, dass sich Jörg Widmann aus München – wo zufällig die Europamusicale ihren Sitz hat – gleich auf drei Ebenen günstig präsentiert: Zunächst als Klarinettist in Schuberts „Hirt auf dem Felsen“, im innigen Wettstreit mit Tynan um die intensivste Kantilene, den zartesten Ansatz und den perfektesten Registerausgleich. Und nach der Pause als Komponist der flotten Rhythmusstudie „180 beats per minute“ und als aktueller Gastdirigent des Ensembles, wobei man die äußerst reinen und beseelten Holzbläserklänge in Mendelssohns 1. Symphonie als Ergebnis eines gelungenen europäischen Fusionsprozesses werten darf.Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar