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KLASSIK

Genie in Eile:

Louis Langrée in der Philharmonie

„Mostly Mozart“ heißt das New Yorker Festival, dessen Direktor Louis Langrée ist. Für sein Debüt am Pult der Berliner Philharmoniker legt der Franzose sogar noch eins drauf: Nicht „mostly“, sondern vollständig aus Mozart besteht das Programm. Die erste Hälfte bringt Altbekanntes, die Ouvertüre zur vorletzten Oper „La clemenza di Tito“ und ein anderes vorletztes Werk, die große Symphonie in g-Moll, der Mozart auf dem Gebiet der Symphonik nur noch die in C-Dur („Jupiter“) folgen ließ. Engagiert, entschlossen, genau abgezirkelt ist Langrées Zeichengebung, dabei immer formvollendet, elegant, um nicht zu sagen: galant. Er scheint sehr genaue Vorstellungen zu haben, was er mit den Werken sagen will, aber ach – die Philharmoniker folgen ihm darin nicht. Schludrig, lax, im dritten Satz beim Holz auch unsauber klingt vieles in der Symphonie, die doch eigentlich großartig und fast schon im Beethovenschen Sinne drängend ist, die man aber schon viel packender gehört hat. Zu viel Routine? Nach der Pause erklingt dafür völlig Neues, die Kantate „Davide penitente“ KV 469, der man – wie immer bei Mozart – kaum anhört, dass sie 1785 in äußerster Eile niedergeschrieben wurde, unter Verwendung des Kyrie und Gloria aus der c-Moll-Messe. Es ist überwältigende Glaubensmusik. Engagierter spielen die Philharmoniker jetzt, der Rundfunkchor Berlin ist einmal mehr eine sichere Bank, im Zentrum der Aufmerksamkeit aber stehen die drei Solisten, der Tenor Werner Güra und die beiden Soprane. Jane Archibald ist ja eine Koloraturkönigin, und auch hier beeindruckt sie mit wendiger Stimme und unglaublichen Intervallsprüngen. Technisch ist sie tadellos, trotzdem klingt sie dünner, silbriger im direkten Vergleich zur Schwedin Ann Hallenberg, die mit vollem, sattem, rötlichem Sopran und verschmitztem Lächeln den Lorbeer davonträgt. Vor allem wegen der beiden Arien, die Mozart für die Soprane neu geschrieben hat, lohnt sich der Gang in die Philharmonie (noch einmal am 25. 1., 20 Uhr). Udo Badelt

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TANZ

Einatmen, ausatmen:

„I hope you die soon“ im HAU



Welch dunkles Begehren treibt diese beiden Tänzer an? „Les petites morts“ nennen Jared Gradinger und Angela Schubot ihr zweiteiliges Projekt, in dem sie am eigenen Verschwinden arbeiten. Zum Auftakt wurde im HAU 1 auf der leeren Bühne das Duo mit dem Titel „I hope you die soon“ gezeigt – die beiden wünschen sich offenkundig nur das Beste. Schon in „is maybe“ ging es um den Wunsch nach grenzenloser Nähe, nach einer bedingungslosen Symbiose. Und die ist für die Performer nur im Tod zu haben. In ihrem nunmehr dritten Entgrenzungs-Duo gingen sie von einer Fragestellung aus: „Wie aber und auf welche Weise können zwei Körper zusammen und auf der Bühne sterben?“ Zu befürchten stand, dass die Tänzer ins „Reich der Sinne“ entführen wollen. Doch der Todestrieb zeigte sich hier nun ganz verhüllt. Lange liegen die beiden regungslos auf dem Boden, seine Hand ruht auf ihrer Schulter. Sie bleibt zuerst passiv, lässt sich von ihm bewegen. Die beiden sind ineinander versunken, sie liefern sich einander aus. Gradinger hält seine Partnerin, er hebt sie vom Boden, rollt auf den Rücken. Nach einer Weile beginnen die beiden, laut und synchron zu atmen, dabei wogen ihre Körper auf und ab. Sie pressen ihre Münder aufeinander und bilden einen geschlossenen Kreislauf: Der eine atmet die Luft ein, die der andere ausatmet. Es wird derzeit heftig und ausdauernd geatmet auf Berliner Bühnen. Die Tänzer hecheln sich in ekstatische Zustände. Gradinger und Schubot wirken entrückt, manchmal verzückt. Dass dieses Verschmelzungsduo eine Einübung ins Sterben sein soll, leuchtet aber nicht ein. Und dass man die Furcht vor dem Tod einfach wegatmen kann, das glauben auch nur die Tänzer. Doch die beiden halten fest an ihrem Wunsch, „die Ichhaftigkeit in Innigkeit zu verwandeln“. Noch radikaler soll der zweite Teil mit dem Titel „all my holes are theirs“ werden, am 7. Februar in den Sophiensælen. Hoffentlich pfeifen die beiden dann nicht aus dem letzten Loch (wieder am 25. und 26. 1., 19.30 Uhr). Sandra Luzina

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