KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Flirren und schwirren: Conor Oberst in der Apostel-Paulus-Kirche

Vor anderthalb Jahren hatte Conor Oberst mit seiner Band Bright Eyes in der Columbiahalle noch eine Menge Personal und Instrumentarium aufgefahren. In die ausverkaufte Apostel-Paulus-Kirche kommt er ohne Band. Alles ist sparsamer, intimer, und ja – auch schöner. Die Haare wieder schulterlang, sitzt der Songwriter aus Omaha, Nebraska, erstmal ganz alleine da. Er plickert klirrendes Fingerpicking auf einer Gretsch-Halbresonanz-Gitarre und singt mit seiner markant zitterigen, leicht manierierten Wimmerstimme „The Big Picture“ und „The First Day Of My Life“. Es ist kalt in der Kirche, Oberst trägt einen dicken Schal. Er presst die Knie zusammen, fletscht die Zähne, singt den neuen Song „Common Knowledge“.

Mitstreiter Ben Brodin gibt den Bright- Eyes-Stücken, aber auch den neuen Songs eine würdige Tiefe im Wechsel zwischen schwirrendem Vibrafon, geschmackvoller Lärmgitarre und Piano – während Oberst ständig pendelt zwischen elektrischer und akustischer Gitarre, Bierflasche und Rotweinglas. Es sei doch mal ganz witzig, sich in einer Kirche zu betrinken, sagt er. Bleibt aber nüchtern und konzentriert. Wenn ihm auch die hübschen Melodien zu seinen poetischen Texten gelegentlich in merkwürdige tonale Schräglage geraten. Makellos ist der berauschende Harmoniegesang der schwedischen Schwestern Söderberg, die als First Aid Kit schon mit ihrem Vorprogramm bezaubert hatten und die nun einige von Obersts Liedern bereichern. Zwei Stunden, sechs Zugaben, tosende Fans. H. P. Daniels

KLASSIK

Fetzig und feinsinnig: Gisela May beschließt die Kurt-Weill-Woche

Stehende Ovationen für Gisela May, bevor sie auch nur einen Ton gesungen oder gesprochen hat: Die Ikone des Brecht-Gesangs setzt einen glanzvollen Schlusspunkt hinter die Kurt-Weill-Woche der Komischen Oper. Tatsächlich geht es um „Brecht-Gesang“, denn trotz aller Plastizität der Vertonungen von Weill, Eisler oder Dessau ist schauspielerisch ausgefeilte Ausdruckskraft des Textes unabdingbar. Und da macht der May noch immer niemand etwas vor, egal ob bei „Der Mensch lebt durch den Kopf“ mit ironischer Nonchalance, „Bills Ballhaus in Bilbao“ mit nostalgischer Emphase, „Das Lied von der harten Nuss“ mit komischer Frechheit. Ihre Stimme hat zwar den Glanz einstiger Agit-Prop-Schärfe eingebüßt, dafür hat Gisela May eine liebenswerte Lockerheit, eine Lust am Komödianischen dazugewonnen, ohne jemals ins Lächerliche zu ziehen. Feinsinnig begleitet Adam Benzwi am Flügel.

Anders als die Sänger-Schauspielerin finden Tenor Hans-Jürgen Schöpflin, Bariton Carsten Sabrowski und Bass Bogdan Talos nicht die richtige Balance von Wort und Ton. Weills „Berliner Requiem“ kann so kaum berühren. Der avancierte Satz des frühen Violinkonzerts hingegen kommt beim souveränen Solisten Gabriel Adorján eindrucksvoll zur Geltung. Dirigentin Kristina Poska setzt ebenso scharfe Akzente, wie sie Lyrisches auszuformen versteht. Und so bereitet auch eine fetzige, bunte, dramatische und gefühlvolle „Dreigroschenmusik“ großes Vergnügen. Isabel Herzfeld

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