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OPER

Putzig bananig: Die Deutsche Oper zeigt „Oh, wie schön ist Panama

Eine tollkühner Plan, aus Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ ein Operchen machen zu wollen. Schließlich muss man davon ausgehen, dass jeder im Saal, ob klein oder groß, alle Texte mitsprechen kann, die Bilder aus dem Buch bestens im Kopf hat. In Kostümen, die „schräg“ sein wollen, aber einfach nur scheußlich aussehen, sind Jörg Schörner und Martin Gerke kaum als Tiger und Bär zu erkennen – dennoch rufen die Kinder ihnen zu, als beide im vermeintlichen Panama ankommen: „Ihr seid ja eh wieder zu Hause!“

Poetisch hat sich das Kreativteam diesem Auftragswerk der Deutschen Oper (weitere Aufführungen am 28., 30. Januar, 2., 7., 8. Februar) für die neue Spielstätte in der Tischlerei genähert: Im Libretto von Dorothea Hartmann wird der Schlüsselsatz „Uns geht es gut“ in jeder erdenklichen Wortstellung durchdekliniert, außerdem reimt sich Bananenmark auf Bananenquark. Fein ziselierte, abstrakte Musik hat Lin Wang komponiert, das von Kevin McCutcheon geleitete Mini-Orchester symbolisiert außerdem, wenig kindgerecht, die Figur der Tiger-Ente.

Es gibt ausgedehnte Arien und Ensembles – und im putzigen szenischen Arrangement von Daniel Pfluger für die Menschen ab fünf gar nichts zum Mitmachen. Kein Wunder, dass die nach 55 Stillsitzminuten auf die Spielfläche stürzen, um mit dem Konfetti aus der Traumlandkiste eine Papierschnipselschlacht anzufangen. Oh, wie schwer ist Edukationsarbeit! Frederik Hanssen

KLASSIK

Mitreißend launenhaft:

David Fray im Kammermusiksaal

Wenn David Fray nach den einzelnen Teilen seines Bach-Programms im Kammermusiksaal von der Bühne abtreten will, dann muss er seine Route immer wieder korrigieren, um überhaupt den Ausgang zu finden. Ein fragil und entrückt wirkender Anfangdreißiger tastet sich unter Applaus hinaus aus dem Scheinwerferlicht. In das hat ihn vor allem Bach gerückt, dem er nun sein viertes Album gewidmet hat. Natürlich ist es an diesem Abend Programm und wird anschließend von Fray im Foyer signiert.

Nicht wenige im Publikum haben die Noten von Bachs Partiten auf den Knien. Immer wieder schütteln Damen zart, aber entschieden mit dem Kopf, wenn der jungenhafte Franzose sich durch die vorangestellte Toccata e-Moll BWV 914 wühlt. Fray will ins Offene locken, spielt mit den improvisatorischen Möglichkeiten, die in diese Musik gesenkt sind. Und plötzlich klingt sie mehr nach Brahms’ Intermezzi, nach später Leidenschaft, die durch eine spaltbreit angelehnte Flügeltür dringt. In den Partiten selbst sucht Fray unter konsequenter Verneinung einheitlicher Stilerwägungen, was Bach selbst in die Sätze goss: Abwechslung, Überraschung, auch Sprachlosigkeit ob der schieren Brillanz des Ausdrucks. Unter knarzenden Atemlauten legt Fray die eröffnende Sinfonia mit einem orchestralem Überschwang an, den er kaum in die anschließende Allemande zu retten vermag. Wie sehr er sein Spiel mit Bach noch zu steigern weiß, verrät das finale Capriccio. Selten erscheint Launenhaftigkeit so mitreißend. Die Noten sind längst geschlossen und Knie wippen. Ulrich Amling

OPER

Machtlos: „Der Kaiser von Atlantis“

in der Werkstatt der Staatsoper

Es ist schwer, Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ von den fürchterlichen Bedingungen zu trennen, unter denen sie entstand: In Theresienstadt geschrieben, erlebte Victor Ullmann die Aufführung nicht mehr – weil er vorher, wie zehntausende andere, nach Auschwitz deportiert wurde. Wie soll man so ein Stück als autonomes Kunstwerk würdigen, zumal Peter Kiens Libretto selbst in jedem Takt von der Hitlerbarbarei zu erzählen scheint? Mascha Pörzgen gelingt es trotzdem in der Neuinszenierung zum Holocaust-Gedenktag in der Werkstatt der Staatsoper, das zeitlos Gültige herauszupräparieren (wieder 29. und 31.1., 2., 5. ,7. und 9.2.).

Schon das stilisierte zweistöckige Bühnenbild (Cordelia Matthes) ist für den kleinen Raum groß gedacht. Hier brütet in seiner Kammer der fanatische Kaiser Overall, Diktator eines dem Untergang geweihten Landes, der den Krieg aller gegen alle befiehlt. Bei Gyula Orendt – der junge rumänische Bariton hat schon als spielwütiger Papageno überzeugt – wird er zum angsteinflößenden, bellenden, autistischen Kotzbrocken. Victor Ullmann aber entwirft in „Der Kaiser von Atlantis“ die Utopie eines Gewaltherrschers, der sein wichtigstes Machtmittel verliert, weil der Tod den Dienst verweigert (mit raumflutendem, glänzendem Bass, aber zu statisch im Spiel: Alin Anca).

In der überwältigend eklektizistischen Musik, die Ullmann dazu geschrieben hat, finden eine barocke Passacaglia und ein Luther-Choral genauso ihren Platz wie Jazz-Rhythmen. Dirigent Felix Krieger arbeitet die Brüche heraus, ohne dass das Stück unter den Stilzitaten zerbröseln würde. Ein Abend, so schwarzgallig, wie es nur geht. Und doch leuchtet er hell.Udo Badelt

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