KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

ROCK

Schön laut: Dropkick Murphys

in der Columbiahalle

Überraschung und unerwartete Freude über die beiden Vorgruppen. Über den brillanten Auftritt von Cryssis, einer „Nebenbei-Spaß-Band“ des Toten-Hosen-Drummers Vom Ritchie, mit tollem aufgepfeffertem, melodiös krachigem Mersey-Beat. Und den Engländer Frank Turner mit elektrisierendem Folk-Punk der Billy-Bragg-Schule. Da ist das Publikum in der gesteckt vollen Columbiahalle schon mächtig aufgeheizt, als zu Sinead O’Connors gefühlvoll ruhiger Interpretation von „Foggy Dew“ als Intro die Dropkick Murphys auf die abgedunkelte Bühne huschen, um gleich blendend grell loszukrachen: „The Boys Are Back“. Voll da mit ihrer sehr lauten und schnellen, von den Pogues und The Clash inspirierten Mixtur aus irischer Folk-Tradition, atemberaubend runtergeachteltem Punk und knatterhartem Rock.

Entsprechend gegensätzlich, doch dann auch wieder trefflich zusammenpassend ist das ständig wechselnde Instrumentarium: klare akustische und schwer verzerrte elektrische Gitarren, Akkordeon, Banjo, Mandoline. Und was da manchmal klingt wie Feedback-Pfeifen, ist ein Dudelsack zwischen schwerem Gepunke. Gröliger Shoutergesang, Fußballchöre, brummelnder Bass und Schlagzeug. Wobei der Drummer manchmal über das rasende Tempo stolpert, wie überhaupt vieles von der wuselnden Band aus Boston gelegentlich verschludert wird.

Aber es geht ja nicht um filigrane Virtuosität, sondern um lärmenden Spaß. Singen, Tanzen, Bierbecher in die Luft werfen. Und die alten sozialistischen und anarchistischen Vorstellungen. 90 Minuten lang über zwei Dutzend wilde Songs, etliche vom neuen Album: „Signed And Sealed In Blood“. Und am Ende ist die Bühne voll mit tanzenden Fans, die sich gegenseitig fotografieren und filmen – zu „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ von ACDC. H.P. Daniels

KLASSIK

Intensiv: Ein Lutoslawski-Abend

mit Marek Janowski und dem RSB

Man kann nur hoffen, dass die aktuelle Präsenz der Werke von Witold Lutoslawski auf den Spielplänen sich nicht nur dem 100. Jahrestag seiner Geburt verdankt. Die Stücke des polnischen Komponisten verfügen über eine vergleichbare emotionale Intensität wie die viel öfter aufgeführten Sinfonien Schostakowitschs; sie scheinen diesen aber durch ihre dichtere und schlüssigere kompositorische Struktur überlegen.

Von zwei relativ frühen Orchesterwerken Lutoslawskis wird Bartóks 2. Klavierkonzert an diesem Abend gerahmt. Beide stehen in engem Bezug zum ungarischen Komponisten: Die „Trauermusik für Streichorchester“ ist dessen Andenken gewidmet, das „Konzert für Orchester“ verweist durch den identischen Titel auf Bartoks Komposition von 1943. Die Pianistin Anna Vinnitskaya spielt das spröde Klavierkonzert in den Ecksätzen mit Energie, im Adagio mit Geduld und Ruhe. Nur im ersten Satz fällt es ihr schwer, sich gegen den Einsatz der Blechbläser durchzusetzen.

Bei Marek Janowskis Lutoslawski-Dirigat kann man verfolgen, wie sich die Unmittelbarkeit des Eindrucks gerade der Kontrolle über die Mittel verdankt. Von großartiger Wirkung ist die Stelle am Ende des ersten Satzes aus dem Konzert für Orchester, wenn das austrudelnde Hauptmotiv über Celestatönen unvermittelt in einen Durakkord „hineinläuft“. Die riesenhafte Steigerung zum Abschluss des Werks weiß der Dirigent durch kluge Disposition unter Spannung zu halten. Das Rundfunk-Sinfonieorchester spielt, wieder einmal, makellos. Benedikt Bernstorff

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