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KUNST

Klicker und Klarheit: Gunda Förster und François Morellet im Bundestag

Was für ein Luxus. An einem der schönsten Orte der Stadt, im Spreebogen an der Wilhelmstraße, befindet sich der Kunst-Raum des Deutschen Bundestages. Die Galerie mit Blick auf das Wasser liegt so verborgen, so dass sie immer noch als Geheimtipp gilt (Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Zugang über Spree-Uferpromenade, bis 5.5.; Di – So 11 – 17 Uhr). Der Eintritt ist frei, im Inneren erlaubt ein Schild den Besuchern „Sie dürfen spielen“. Die Berliner Künstlerin Gunda Förster hat Murmeln auf Leuchtkästen gelegt. Noch immer üben diese Schätze der Kindheit mit ihren rätselhaften Farbeinschlüssen unwiderstehliche Faszination aus. Noch immer sind die blau-weiß marmorierten Kugeln besonders klein und rar. Daneben hat die Künstlerin blanke Klicker zu strengen Mustern sortiert. So führt der Raum vom Chaos zur Struktur und gipfelt in der Kostbarkeit einer kobaltblauen mundgeblasenen Murmel, die Gunda Förster wie ein Juwel präsentiert. Im Untergeschoss antwortet François Morellet mit parallel montierten Neonröhren auf die durchsichtige Präzision. Mit dem Licht entzieht der 86-jährige Franzose seiner alterslosen Kunst jeden Schatten, jede Emotion. Ironisch spielt der Titel „figuratif – konkret“ mit der Beliebigkeit von Schubladen. Beide Künstler erhellen auch die Abgeordnetenhäuser mit permanenten Installationen. Während im Parlament die Politik herrscht und Intrigen gesponnen werden, walten im Kunst-Raum des Bundestages Licht und Klarheit. Welcher Luxus. Simone Reber

KLASSIK

Geige und Gefühl: Hilary Hahn

im Kammermusiksaal

Wenn es nach dem Abend mit der Geigerin Hilary Hahn im philharmonischen Kammermusiksaal geht, ist der Siegeszug der Klassik gesichert. Man kann diesen Abend gar nicht genug rühmen – zum Beispiel das Programm, darin die große Chaconne von Bach und zehn neue Miniaturen, die Hahn selbst für ihr „Encore Project“ in Auftrag gegeben hat und die manchmal etwas krass tönen (bei Richard Barretts Stück), manchmal ein bisschen nach John Field, einem wenig bekannten Zeitgenossen Chopins (David Del Tredici), und dann wieder auf anziehende Weise melancholisch (Michiru Oshima). Oder die vielen Kinder im Publikum, von denen einige bestimmt ebenfalls Geige spielen. Oder der Pianist Cory Smythe, der sich nicht zu fein dafür ist, mehrere Stilschubladen aufzuziehen; Smythe hat etwas Allesfresserisches, ohne deswegen Nachlässigkeit auszustrahlen. Oder der Bariton Stephan Genz, der für die letzte, frenetisch beklatschte Zugabe auftritt, eine „Erlkönig“-Vertonung des Violinvirtuosen Louis Spohr, mit der Hahn selbst in die Position einer „seconda donna“ tritt. Oder der freundliche Lokalbezug, indem auch der „Nutcracker’s Nightmare“ des Berliners Marius Felix Lange zugegeben wird. Vor allem aber brilliert Hilary Hahn selbst: ihr starker, wenig schwelgerischer Strich, ihre „no nonsense“-Herangehensweise, egal, wie virtuos Fauré-Bach-Barrett und Konsorten es auch wünschen. Das von ihr erdachte Zugaben-Projekt ist ein Kunstgriff ohnegleichen: Dem Publikum gibt es das Gefühl, wieder und wieder mit Aufmerksamkeiten beschenkt zu werden, zugleich bringt es Gelöstheit in das Verhältnis zwischen Klassik-Mainstream und Neuer Musik. Christiane Tewinkel

KUNST

Größe und Grotesken: Filmbilder

von Ulrich Seidl bei C/O Berlin

Sie stirbt und prägt auch den finalen „Paradies“-Film von Ulrich Seidl, „Paradies: Hoffnung“. Während sich der österreichische Extremregisseur Hoffnung auf einen Goldenen Bären machen kann, gehen für das Fotoforum C/O Berlin im Postfuhramt endgültig die Lichter aus, wenn die grandiose Christer-Strömholm-Retrospektive und die parallel laufende Schau mit rund 60 Standbildern aus der Seidl’schen „Paradies“-Trilogie abgehängt sind (Oranienburger Str. 35/36, bis 17. 3.; Mo–So 11–20 Uhr).

Für Seidl, der die zwei aufwühlenden ersten Filme mit den Zusatztiteln „Liebe“ und „Glaube“ schon in den Wettbewerben von Cannes und Venedig platzieren konnte und in Berlin dann die Filmfestivalrekordmarke noch höher legt, ist es ein Ausstellungsexperiment. Testfrage: Lassen sich Filmbilder aus dem Erzählfluss angeln? Die großformatig-grobkörnigen Bilder stammen direkt aus den Originalfilmstreifen. Und: Überlebt das Anliegen des Autors den Medienwechsel? Der Versuch scheitert. Ohne Dramaturgie, ohne Zwischentöne, ohne das bei Seidl-Filmen so wichtige Wechselbad des Zuschauers zwischen Identifikation und Irritation wird der „Paradies“-Parcours zur Galerie des Grotesken. Die Eskapaden der Sextouristin, der Exerzitienalltag der Herz-Jesu-Fundamentalistin, die verbotene Liebe einer Diätcamp-Teilnehmerin – Sehnsucht, Passion, Scheitern als Bildstrecke à la „Stern“? Kühles Betrachten. Umblättern. Vergessen. Ganz anders in Seidl-Filmen; da fiebert und leidet man mit. „Glaube“ startet im März, „Hoffnung“ kommt im Mai ins Kino, wo Filme eben hingehören. Jens Hinrichsen

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