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MUSIKTHEATER

Forsch: Chico Buarque trifft Brecht

an der Neuköllner Oper

Die „Dreigroschenoper“ ist kein gefälliges Stück, sie erzählt von Verbrechen, Korruption, Liebe als Mittel zum Zweck. Schleift sich die Story ab, wenn man sie – wie es der brasilianische Liedermacher Chico Buarque in den 70er Jahren getan hat – mit Samba-Rhythmen neu vertont? Nicht, wenn man es so macht wie Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner bei der deutschen Erstaufführung von „Ópera do Malandro“ in der Neuköllner Oper (wieder am 3. 2.). Das Stück ist einerseits knallige Tunten- und Trashrevue. Aber unter der schillernden Oberfläche präpariert Hoepner sorgfältig das Zynische, Gewalttätige, Tragische des Stückes heraus.

Beides in sich vereint Daniel Ris als Transvestit Geni, zum Niederlegen komisch im Tortenkostüm, zum Heulen traurig in dem Lied „Geni e o Zepelim“, in dem sich die Tunte für alle anderen opfert und trotzdem nur verlacht und verstoßen wird. Guilherme Castro hat Buarques Musik für Berlin arrangiert und treibt seine Musiker zu schmissig-energischem Bossa-Nova- Spiel an. Das achtköpfige Ensemble singt auf hohem Niveau, allen voran Julia Gaméz Martin als Teresinha: very Lena Meyer-Landrut und mit einer Stimme, der man den 1. Preis beim Bundeswettbewerb Gesang sofort abnimmt. Choreograf Ronni Maciel gelingen formidable Szenen, etwa das Duett, in dem sich Teresinha und Lúcia (Isabela Santos) um die Gunst von Max Overseas (Daniel Schröder) balgen. Der nimmt hier die Stelle von Mackie Messer ein und hat über die Liebe keinerlei Illusionen: „Ich habe dich nicht geheiratet, damit du dich in mein Leben einmischst.“ Udo Badelt

KLASSIK

Frisch: das Lutoslawski-Quartett

im Konzerthaus

Witold Lutoslawski gilt als publikumsfreundlicher Neutöner, aber die Dosis macht das Kassengift: Die Idee, zum Auftakt des Lutoslawski-Jahres gleich drei polnische Streichquartettkompositionen aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu präsentieren, überfordert offensichtlich die Neugier des Publikums, so dass sich der kleine Saal des Konzerthauses am Donnerstag nur relativ spärlich füllt. Schade, denn es wird ein mitreißender Abend voller Entdeckungen.

Eine davon sind die Ausführenden selbst, denn das 2007 gegründete Lutoslawski Quartet zählt zu den interessantesten jungen Quartettformationen Europas. Die Musiker bilden eine hoch energetische Formation aus ebenso starken wie verschmelzungsfähigen Einzelcharakteren. Vor allem aber scheinen sie auch über jene eigenschöpferische Fantasie zu verfügen, die bereits der Barockkomponist Telemann an den polnischen Geigern seiner Zeit rühmte.

Die Verbindung von kompositorisch-konstruktivem und spielerisch-assoziativem Denken ist ein roter Faden, der das Programm durchzieht: Selbst die kontrapunktischen Passagen von Karol Szymanowskis 2. Streichquartett fesseln durch spontane Unmittelbarkeit, und es spricht für den zweiten Geiger Marcin Markowicz, dass sein eigenes 3. Streichquartett nach diesem gewichtigen Auftakt nicht abfällt. Im Gegenteil: Die Ökonomie der Mittel, die fassliche, aber nicht abgegriffene Motivik, sein formaler Witz und minimalistischer Drive sind packend und lohnen das wiederholte Hören. Kein Wunder, dass dann auch die Übergänge zwischen Komposition und Improvisation, die Lutoslawski in sein bedeutendes Streichquartett von 1964 eingebaut hat, bei diesen Interpreten so nahtlos und natürlich wirken. Carsten Niemann

KUNST

Frei: Klaus Hähner-Springmühl

im Künstlerhaus Bethanien

Das Saxofon sägt an den Nerven wie an Gitterstäben. Klaus Hähner-Springmühls Kunst verdeutlicht die Unterdrückung mindestens so intensiv wie das Aufbegehren. Im Künstlerhaus Bethanien rückt eine Ausstellung Wut und Schmerz des 2006 verstorbenen Sachsen zum Greifen nahe (bis 10. 2., Kottbusser Straße 10, Di– So 14–19 Uhr). Das Foto-Porträt von Florian Merkel zeigt einen Mann, dessen Blick vollkommen frei ist von jeglichem Risikobewusstsein. Im Lauf der Bilder läßt sich jedoch beobachten, wie die Gestalt auszehrt. Klaus Hähner-Springmühl übermalt seine Porträts, schneidet Teile des Gesichts aus, zerknüllt sie oder wickelt sie in Zeitung. Mit aggressiven Pinselzeichen löscht er sich selbst. Die Fragmente vermitteln Verletzung und Verzweiflung, aber auch seine Rebellion gegen Enge und Missachtung.

In einer Fotoserie stößt der Künstler mit dem Kopf gegen die Decke: daneben zieht er mit dem Pinsel die Möbius-Schleife, das Zeichen für Unendlichkeit. Der Zwei-Meter-Mann war Boxer, Ingenieur, auch Steinmetz, vor allem aber der Star der unabhängigen Kunstszene in der DDR. Zum ersten Mal stellte er 1980 seine Arbeiten in der Galerie der Künstlergruppe Clara Mosch im heutigen Chemnitz aus. Mit der Wende kam ihm der Gegner abhanden, seine späten Blätter wirken fahrig. Dennoch hallt die Ausstellung wider vom ungestümen Temperament eines Widerspenstigen. Simone Reber

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