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KLASSIK

Zu statisch: Hubert Soudants Schubertiade an der Komischen Oper

Franz Schubert wird selten in der Oper gespielt, denn seinen dramatischen Werken blieb der Erfolg versagt. Vielleicht liegt es daran, dass das Orchester der Komischen Oper in seinem vierten Sinfoniekonzert (Die „Tragische“), das an diesem Abend im Anschluss an die „Zauberharfen“-Ouvertüre und Schuberts unvollendete siebte Sinfonie zur Aufführung kommt, zunächst skeptisch, zum Schluss hin immer wärmer spielt. Unter der Stabführung des für seine Schubertiaden preisgekrönten Holländers Hubert Soudant reinigt das Opernorchester die Musik von aller romantizistischen Süßlichkeit. Die Streicher sparen am Vibrato, die Bläser an binnendynamischen Unschärfen, und die sehr moderaten Tempi des Dirigenten führen direkt zu Schuberts Ahnen der Wiener Klassik zurück.

Leider stellt sich dabei erst im Finale der Vierten und in der „Rosamunde“-Zugabe die Art von Esprit ein, der Schubert vom Handwerker zum Inspirateur macht. Davor opfert Soudant der Orchesterdisziplin zu viel Brillanz, geht um den Preis einer marschartigen Gehacktheit jedem Legato aus dem Weg, nur um die Musik nicht schmierig werden zu lassen. Dieser Preis ist hoch, zumal wenn man die trockene Akustik des Orchesterzimmers auf der Bühne in der Behrenstraße berücksichtigt. Hätte Soudant die Leine nur ein bisschen länger fahren lassen – seine Schubertiade hätte durchweg überzeugt. Christian Schmidt

NEUE MUSIK

Glücksfall: Das dreiteilige Konzert zum 90. Geburtstag Ursula Mamloks

Der musikalische Brückenschlag, den die Spectrum Concerts Berlin immer wieder zwischen den USA und der deutschen Hauptstadt vornehmen, erhält im Falle der Neuen Musik Ursula Mamloks eine besondere Note: Mit 16 Jahren musste die Jüdin aus ihrer Geburtsstadt Berlin flüchten, gelangte über Ecuador nach New York, wo sie 64 Jahre verbrachte. Heute lebt sie wieder in Schöneberg.

Dass Spectrum ihr zum 90. Geburtstag ein dreiteiliges Konzert im Kammermusiksaal ausrichtet, ist ein Glücksfall. Die aphoristisch geschärften Kristallsplitter, die Naomi Niskala im Klavierstück „2000 Notes“ in den Raum stellt, weiten sich in den Ensemblestücken „Confluences“ und „Rhapsody“ zum anregenden Abtausch weitgestreuter Klangpunkte, zarter melodischer Linien und plötzlich hereinbrechender Akkordballungen. Wie feingesponnen Mamlok das entwickelt, zeigt Lars Wouters van den Oudenweijer in „Polyphony No. 1“, in dem der Klarinettist weiche Haltetöne so weit in die Fantasie des Hörers verlängern kann, dass sie sich mit anschließenden Spaltklängen scheinbar polyfon verbinden.

Riesenbeifall gilt auch dem abschließenden Oktett von Felix Mendelssohn, das alle beteiligten Streicher fulminant vereinigt – ein Gruß an die „zerstörte Vielfalt“ Berlins bereits im 19. Jahrhundert. Isabel Herzfeld

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