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KUNST

„East“: Die Kunstsäle mit Arbeiten des Sammlers Wilhelm Schürmann

Man erwartet einen Trip gen Osten – und wird von Wilhelm Schürmann auf die falsche Fährte gelockt. „East“ heißt die Ausstellung des versierten Aachener Sammlers, die die Kunstsäle Berlin (Bülowstraße 90, bis 9.2.) mit neuen und älteren Arbeiten aus seinem Besitz füllt. Darunter Karin Sanders einst schneeweiße Leinwand „Mailed Painting“ (2007), die ohne Umkarton von Bonn über Berlin nach New York gereist ist. Alle Spuren des Transports – Kratzer, Flecke und Farbveränderungen – formieren sich auf ihrer Oberfläche zu einem abstrakten Gemälde.

Die Route von „Mailed Painting“ weist eindeutig westwärts. Es sei denn, das Bild ist einmal um den Erdball gekommen: Wer nur tief genug in den Osten fährt, erreicht am Ende jedes Ziel. Und exakt dies schwingt im Titel der leisen, klug komponierten Schau mit. Die Bilder und Skulpturen von Sander, Angela Bulloch, Michael Müller oder Stefan Hablützel tragen ein Wissen in sich, das über die Kontinente reicht. Zeitlich wie geografisch. Was immer die (Kunst-)Geschichte in jüngerer Vergangenheit verhandelt hat, blitzt aus den Arbeiten hervor. Zum Beispiel bei Albrecht Schäfer, dessen Zeichnung das Malewitsch Museum Biberach (2002) zeigt. Eine Innenansicht aus verschachtelten Kuben und zugleich ein imaginärer Raum. Die Gemälde des russischen Avantgardisten wurden der Stadt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zum Kauf angeboten, doch Biberach schlug aus, die Werke zogen weiter ins MoMA nach New York und ins Stedelijk-Museum Amsterdam. Auch das ein Ost-West-Transfer. „East“ ist bloß ein versteckter Hinweis auf ein essenzielles Kapitel der Moderne: Ein Bild wie „Mailed Painting“ kommt selbst auf großer Fahrt von Bonn nach New York am russischen Konstruktivismus nicht vorbei. Christiane Meixner

DOOM–METAL

Ohrenbetäubende Langsamkeit: Sunn O))) im Astra

Das dicke Ende kommt zum Schluss: Nach einer Woche irrster Klangabenteuer betreten zum Abschluss des Club-Transmediale-Festivals im randvollen Astra drei Gestalten in Mönchskutten die Bühne. Fetter Nebel und die schlichte Eleganz einer monströsen Wand aus abgewetzten Gitarrenverstärkern bildet die Kulisse für diese finsteren Gesellen, die bald darauf ihre quälwimmrig runtergestimmten Gitarren mit zombieartigen Schaukelbewegungen anschlagen und über einem dröhnendem Grundfeedback ihre Soundtürme errichten. Ein Reißen, als könnte man Berge zersägen. Das ist der Sound von Sunn O))), dem Dröhn-Doom-Metal-Projekt von Bassist Greg Anderson und Gitarrist Stephen O’Malley, die seit 1998 durch die zerklüftete Unterwelt der Rockmusik kriechen, mit tonnenschweren Black-Sabbath-Gedächtnis-Riffs, die sie im Stil von Minimal-Pionier La Monte Young zur endlosen Dröhnmusik strecken.

Knapp zwei Stunden lang schleppen sich die Gitarren hypnotisch durch einen tiefschwarzen Sound, und mittendrin kreuzt der lustige Kunstgrunzer Attila Csihar auf und erhebt mit gepresster Flüsterstimme sein zorniges Haupt über all die Niederungen. Es gibt keine Beschleunigung, nur betäubende Langsamkeit. Jeder Ton wird mit geballter Kraft in die Nähe von Grenzwerten dirigiert, mit inniger Liebe zum brummenden Geräusch, das die Augen gestandener Doom-Metal-Hörer zum Glühen bringt und zu mitreißenden Diskussionen über alte Gitarrenverstärker und die Folgen gewisser Bratzlaute führt. Echt heavy. Das Geschirr im Regal des Oberstübchens zittert noch immer. Volker Lüke

KLASSIK

Zitternde Erwartung: Salon um Meyerbeer im Kammermusiksaal

„Du schönes Fischermädchen“ ist eines der drei Gedichte von Heinrich Heine, die Giacomo Meyerbeer vertont hat. Heinesche Ironie liegt ihm fern wie dem berühmten späten Schubertlied, die hinzugedichteten Worte „Komm, komm!“ machen Meyerbeers Komposition eher zu einer charmanten Aufforderung. Das Lied mit der Überschrift „Komm“ (1837) in deutsch-italienischem Stil steht für den wenig bekannten Meyerbeer, der als „Ein Berliner in Paris“ das Zentrum eines Philharmonischen Salons der Berliner Philharmoniker bildet. Vier Streicher und ein Schlagzeuger wissen ihr Vorrecht zu nutzen, Akademisten des Orchesters zu sein. Zu ihnen gesellt sich in einem arrangierten „Fackeltanz“ von Meyerbeer der philharmonische Klarinettist Alexander Bader, der romantische Melodien des Meyerbeer-Freundes Carl Maria von Weber erklingen lässt (noch einmal am 10. 2.).

Aber es geht im Programm von Götz Teutsch naturgemäß auch um die „Hugenotten“ und deren von Heine beschriebene Premiere für „die schöne Welt von Paris, festlich, mit zitternder Erwartung“, um Schumanns beleidigende Ablehnung, Brahms’ Neigung zu dem Komponisten, und zumal – mit Ludwig Börne gesprochen – um das Thema, „zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein“.

Alle diese Worte rezitiert Udo Samel mit seiner engagierten Verlässlichkeit, ebenso wie Cordelia Höfer am Klavier die mit Meyerbeer auftrumpfende Sängerin Laura Nicorescu begleitet. Unbeirrt fingerfertig arbeitet sich die Pianistin Minka Popovic durch die „Huguenots“-Fantasie von Franz Liszt. Sybill Mahlke

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