KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von , und Vinzenz Weidner

KLASSIK

Saccharinsüße Seligkeit: Joyce Yang spielt Bernsteins zweite Symphonie

Zwei Werke nur spielt das Deutsche Symphonie Orchester in der Philharmonie, eine Suite aus Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ und Bernsteins Zweite Symphonie „The Age of Anxiety“ für Klavier und Orchester nach einem Epos von W. H. Auden. Die koreanische Pianistin Joyce Yang gibt mit diesem Stück ihr Deutschland-Debüt. Man hätte ihr gewünscht, ein anderes Klavierkonzert spielen zu dürfen, Beethoven oder Brahms, so wenig Substanz bietet dieser Solopart manchmal an. Vor allem in den schlichten Akkordlinien, die Yang grenzenlos zu überhöhen vermag, fast möchte man sagen: untertiefen. Zugleich fügt sich Yang mit Virtuosität in die perkussiven oder jazzigen Passagen ein, derweil auch das DSO unter James Conlon um sie herum den Saal eine halbe Stunde lang rockt: Steigerungsformeln, saccharinsüße Seligkeit, große Glocken, kurz: Bernstein hat für die Vertonung dieser Dichtung über die Wirren des 20. Jahrhundert alles aufgefahren, was ihm als Orchesterkenner zu Gebote stand. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, den Text an die Wand zu projizieren. Die Suite aus Schostakowitschs Oper jedenfalls, die Conlon selbst zusammengestellt und bearbeitet hat, wirkt gleich vom ersten Schreien des Orchesters (mit Harfenklängen, die man nicht hört, nur sieht) disziplinierter gefertigt, geradezu stählern. Inmitten dieser Überwältigungsmusik, die Conlon mit genauer Hand auslöst und bändigt, tritt Konzertmeister Wei Lu wohl mit hellen, endlos fortgesponnenen Weisen auf, sammeln sich die Streicher zu hochexpressiven Melodiebögen – im Ohr bleibt dennoch vor allem ihre „bedrückende dramatische Kraft“ (Conlon). Christiane Tewinkel

THEATER

Lauter komische Nachbarn: Eine Premiere im Atze Musiktheater

Das Kinderbuch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel ist zwar erst 2008 erschienen, aber trotzdem schon ein Klassiker. Der Roman steht in zahlreichen Kinderzimmerregalen und wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Auch Bühnenfassungen gibt es schon einige, die neueste steuert nun das Berliner Atze Musiktheater bei (wieder am 9. 2. sowie vom 20.–23.2.).

Der elfjährige Rico bezeichnet sich selbst als „tiefbegabt“, geht auf eine Förderschule und hat keine Freunde. Eines Tages läuft ihm Oskar über den Weg, sein komplettes Gegenteil. Denn der ist hyperintelligent, aber genauso allein. Temporeich und witzig inszeniert Regisseur Matthias Witting diese Geschichte über eine ungleiche Freundschaft und Toleranz. Der Fokus liegt auf der Krimi-Geschichte, die hier auch erzählt wird, denn Rico muss Oskar aus den Fängen eines Entführers retten. Ein Holzgestell füllt die ganze Bühne und markiert die einzelnen Wohnungen des Kreuzberger Hauses, in dem Rico lebt. Es ist seine Welt mit lauter komischen Nachbarn. Nina Lorck-Schierning spielt die Fleischfachverkäuferin Frau Dahling wunderbar schnoddrig-schräg mit mütterlichen Zügen. Markus Schmidt treibt als stinkender Fitzke das Tempo der Inszenierung am Schlagzeug voran, wenn das Ensemble die von Theaterleiter Thomas Sutter komponierten, rockig arrangierten Ohrwürmer singt. Anna Pataczek

AUSSTELLUNG

Begegnung mit der Vergangenheit:

Fotoporträts von Karin Wieckhorst

An einem unscheinbaren Haus in Mariendorf verweist ein kleines Plakat auf die Ausstellung „Begegnungen in Ateliers“ von Karin Wieckhorst (Alt-Mariendorf 43, bis 7. 4.; Mo/Mi 10–16 Uhr, Di/Do 10–18 Uhr, Fr 10–14 Uhr, So 11–15 Uhr). Die Galerie im Tempelhofer Museum logiert hier. Ist die Haustür aufgedrückt, empfängt den Besucher zunächst einmal Leere und Stille, bevor ein Aufseher eigens den Ausstellungsraum aufschließt. In überdimensionalen Klarsichtfolien hängen Fotos an den Wänden. Sie zeigen Künstler in ihren Ateliers, die in der DDR unter staatlichen Repressionen gelitten haben, darunter Hartwig Ebersbach und Angela Hampel. Seit Mitte der achtziger Jahre hat die Fotografin Karin Wieckhorst in Leipzig Künstler in ihren Ateliers besucht, begleitet von dem Berliner Kunsthistoriker Christoph Tannert. Auf diese Weise entstanden 26 Fotoporträts junger Maler und Bildhauer, darunter auch Neo Rauch. Die sich wellenden Hüllen künden von alten Zeiten, nichts ist geschönt, fast wie in einem Archiv. Lediglich der Name der Gezeigten wird genannt, den Rest muss der Besucher selbst rekonstruieren. Die Künstler durften ihre Porträts später bearbeiten. Gudrun Trendafilov etwa hat ihres übermalt, mit einem Selbstbildnis, niedergeschlagen, mit geschlossenen Augen. Der heutige Betrachter sieht mit neuem Blick auf sie. Vinzenz Weidner

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