KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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AUSSTELLUNG

Pavel Feinstein auf

den Spuren der Altmeister

In der Obstschale kullert eine Weintraube, daneben stehen Pinsel, Palette und Weinglas. So weit das Atelierstillleben. Hinter der Staffelei aber hockt ein Schimpanse. Den Pinsel fest in der Hand, scheint er sein Modell zu fixieren: den Betrachter. Bei Pavel Feinstein trägt der Affe Turban, setzt Akupunkturnadeln, schlüpft in die Rolle des Modells oder in die des Künstlers. Der 1960 in Moskau geborene Maler schwelgt in der Galerie Lux (Südwestkorso 11a, bis 16.2.) in barocker Sinn- und Farbenlust – gerade so, als hätte es die Moderne nie gegeben. Unvergleichlich akribisch und mit malerischer Delikatesse moduliert er weibliche Körper, verleiht den Stoffen seidigen Glanz, taucht Szenerien in ein geheimnisvolles Licht. Dabei ist sein virtuoser Akademismus nicht der strengen russischen Schule geschuldet. Studiert hat Feinstein Anfang der 80er Jahre an der Universität der Künste in Berlin. Der bewusst konservative Duktus als Gegenentwurf zu den Jungen Wilden? Die Konsequenz, mit der der Künstler sich gar nicht erst bemüht, den altmeisterlichen Sujets Zeitgenössisches überzustülpen, darf man schon kühn nennen. Einzige Ausnahme ist der pinkfarbene Corbusier-Sessel, in dem der Maler-Affe vor dem Bildnis der Infantin Margareta sitzt. Zu sehen in der Parallelschau der RAR Galerie (Knesebeckstraße 90, bis 12.2.), die unter dem Titel „Velázquez“ das Figurenarsenal des spanischen Hofmalers dekliniert. Hier erweist sich Feinstein auch als versierter Zeichner. Doch wenn er den Zwergen und Narren des Vorbildes seine Primaten beigesellt, bekommt die Symbolik einen zwiespältigen Hautgout. Michaela Nolte

POP

Es eiert schön: Die Heiterkeit

in der Kantine des Berghain

Nach einem Onlinebericht über die Hamburger Mädchenband Die Heiterkeit war der Reflex in den Leserkommentaren sofort der: Das sind doch drei untalentierte Frauen, die weder singen können noch ein Instrument beherrschen. Es stimmt ja auch, die Frauen der jungen Band sind wirklich keine Rockgöttinnen, die den Jungs zeigen wollen, wie man ein ausuferndes Gitarrensolo richtig spielt. Sie klingen nie wirklich falsch bei ihrem Konzert in der Kantine des Berghain, aber manchmal wackelt es schon in den Songs. Doch genau das, liebe Verehrer der virtuosen Rockmusik, kann man auch charmant nennen. Es gab sogar einmal eine Zeit, in den Neunzigern nach Grunge, da galt es geradezu als Tugend, wenn der Rock etwas eierte. Eigentlich fühlt man sich bei dem spröden, nüchternen Auftritt der Band, die nur einmal „Hallo Berlin“ verlauten lässt und sonst jeglichen Kontakt zum Publikum vermeidet, sogar an eine noch viel größere Rockband erinnert: an Velvet Underground. Sängerin Stella Sommer ist zwar rein physiognomisch kein teutonischer blonder Engel, sondern eher zierlich und vom Typ Philosophiestudentin, aber wie sie stoisch ihre tiefe Stimme einsetzt und fast eher spricht als singt, das hat schon was von Nico. Sie singt Sätze wie „Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht“, was der Band außerdem Vergleiche mit Tocotronic eingebracht hat, bei denen man auch nicht wirklich versteht, was sie meinen, aber die Sätze bleiben halt so gut hängen. Am Ende gibt es keine Zugabe. Das ist eine tolle Geste. Arrogant und selbstbewusst. Und absolut angemessen. Andreas Hartmann

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