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POP

Viel Kraft, wenig Zärteleien:

Hurts im Postbahnhof

Theo Hutchcraft betritt die Bühne des Berliner Postbahnhofs mit tief ins Gesicht hängender Kapuze. Die Hände, mit denen er das Mikrofon umklammert, sind in schwarzes Leder gehüllt. Kollege Adam Anderson bleibt regungslos. Im Hintergrund bollert’s aus allen Rohren. Die Begleitmusiker feuern ihre Impulse ebenso kraftvoll ins Publikum wie die Lichtanlage. Der Erfolg der Hurts vor zwei Jahren hatte einiges mit geschicktem Marketing zu tun, und auch mit bizarren Äußerungen der beiden. Das Tragen von Anzügen, erzählten sie, hätten sie sich angewöhnt, um beim Abholen des Arbeitslosengeldes würdevoll auszusehen. Oder sie gaben zum Besten, dass Andersons Vater Musiker im Dienste der Queen gewesen sei. All das war aber nur Staffage für ordentliche Popsongs, die sich zwischen Depeche Mode, den Pet Shop Boys und den deutschen Synth-Poppern Camouflage ansiedelten.

Dieses Konzert macht klar: Hurts wollen weg vom Image des klug ausgedachten Retropops. Sie wollen nicht nur in Deutschland und Osteuropa, sondern auch in ihrer Heimat Großbritannien Stars sein. Und so inszenieren sie ihren Pop kompletter als zuletzt. Die neue Single „Miracle“ etwa erinnert an Coldplay, an anderer Stelle werden U2 zu „Zooropa“-Zeiten zitiert, gekreuzt wird all das mit modernen Computerbeats und Rockgitarren. Zwischentöne sind kaum erkennbar. Etwas weniger Kraftmeierei wäre mehr gewesen. Jochen Overbeck

KLASSIK

Die Kunst der Differenzierung:

Xavier de Maistre im Konzerthaus

Man kann sich mit einer Zugabe auch selber die Show stehlen. So ergeht es dem Harfenvirtuosen Xavier de Maistre im Konzerthaus, wo er mit Félix Godefroids „Carnaval de Venise“ selbst das pfiffige Schlussrondo „All’Ungarese“ aus Haydns D-Dur-Konzert in den Schatten stellt. Seine Differenzierungskunst – kristallines Pianissimo, rauschendes Forte, kaskadenartige Arpeggien, geradezu alpine Echoeffekte und millisekundenschnell wechselnde Klangfarbenschattierungen – stellt er mit Geschmack zur Schau und verleiht dem simplen Thema der Variationen den Ritterschlag. Haydn profitiert zwar auch vom Interpreten de Maistre, und sicher erinnert die Harfe mehr an das historische Hammerklavier, für das sein Konzert ursprünglich geschrieben wurde, als ein moderner Steinway. Doch die perkussiven Qualitäten von Hammerflügelbässen besitzt das Instrument nicht. Wäre es da nicht doch lohnender gewesen, wenn de Maistre eines der zahlreichen idiomatisch geschriebenen Harfenkonzerte von Haydns Zeitgenossen Dussek aufgewertet hätte?

Auch Paul Goodwin geht auf Nummer sicher und ersetzt Etienne-Nicolas Méhuls g-moll-Sinfonie von 1809 durch ein Haydn-Werk. Hört man aber, wie überzeugend er Ahnungen Beethoven’schen Geists bei Haydn und Mozart herausarbeitet, dann möchte man nicht glauben, dass ihm zu dem an beiden Meistern geschulten Revolutionskomponisten nichts eingefallen wäre. Carsten Niemann

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