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KLASSIK

Held der Hand: Daniel Barenboim und die Staatskapelle

Die zwei Körper des Daniel Barenboim, der Pianist und der Dirigent: Am Montag in der Philharmonie konnte man wieder beobachten, wie sie verschmelzen. Am Flügel stehend, dirigiert Barenboim die Exposition von Mozarts letztem Klavierkonzert B-Dur. Die Solostimme beginnt, er muss sich setzen. Aber selbst wenn die linke Hand nur einen Takt lang nichts zu tun hat, schnellt sie wieder hoch, um Einsätze zu geben. In dem Stück, 1791 entstanden, scheint Mozart den nahen Tod zu spüren. Es ist eine Innenschau, abgeklärt, fast meditativ, die großen Themenkonflikte sind überwunden. Aber so spielt es Barenboim nicht. Sondern handfest, rational, entschlossen, jeder Ton hat einen materiellen Kern, auch im zweiten Satz, wo die Klavierstimme eigentlich leicht wie eine Feder über dem Boden schwebt. Dafür legt die Staatskapelle ihrem Chef, wenn bei ihm ein Pianissimo notiert ist, garantiert ein noch butterweicheres dreifaches Piano vor die Füße. Der Chef darf dann die Pause einläuten: Den nicht enden wollenden Applaus kürzt er kurzerhand ab, indem er den Flügel zuklappt.

In Strauss’ Tondichtung „Ein Heldenleben“ führt Barenboim seinen robusten Ansatz weiter. Der Protagonist, wie Wagners Siegfried von keines Gedankens Blässe angekränkelt, könnte von Mozarts körperloser Klavierstimme im B-Dur-Konzert kaum ferner sein. Es ist ein Schlachtengemälde, das Barenboim in Strauss’scher Farbenpracht ausmalen lässt, Konzertmeister Wolfram Brandl meistert die Solopartien bravourös. Die Dynamik ist ausbalanciert, die Rollen von „Held“ und „Widersacher“ treten plastisch heraus. Vielleicht gerade deshalb: eine wenig überraschende Interpretation, sogar konventionell. Ein paar Selbstzweifel stünden diesem Helden gut. Udo Badelt

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