KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von , und Vinzenz Weidner

KLASSIK

Die Braut weint: Ruth Ziesak und András Schiff im Kammermusiksaal

András Schiff ist ein Pianist, der in allen Stimmen des Klaviersatzes gesanglich denkt. So verschlingen sie sich in der berühmten zweiten Fantasie der „Kreisleriana“ sehr innig und nicht zu rasch mit den zwei bewegten Intermezzi zu einer Träumerei im Zeichen der Kontrolle. Ein langer, allein Robert Schumann gewidmeter Abend der Philharmoniker-Serie „Umsungen“ endet mit diesen Fantasien Opus 16, und es spricht für sich, dass die Interpretation bei Überschreitung der üblichen Konzertdauer im Kammermusiksaal äußerste Konzentration erzwingt. In den „Davidsbündlertänzen“ präsentieren der feurige Florestan und der sanfte Eusebius ihre Charaktere vorbildlich differenziert, weil Schiff immer wieder dem einzelnen Ton in der gebundenen Melodie seine eigene Dynamik gibt.

Pianistisch bildet sich so der goldene Rahmen für ein eingelagertes Liedprogramm. „Und die schöne Braut, die weinet“: Ruth Ziesak singt im Eichendorff-Liederkreis die Stelle von einer Hochzeit im Sonnenschein wie eine Vision, alter Ritter, märchenhafte Ferne „Auf einer Burg“. Der Zyklus, der des Unheimlichen, Schaurigen im „Zwielicht“der Natur nicht entbehrt, liegt ihrem Kunstverstand näher als das vorangehende Monodrama „Frauenliebe und -leben“, in dem ebenfalls eine Braut weint. Bei Eichendorff spielt Ziesak mit dem Wortklang: „lange tot“, „meine Seele spannte“. Ihre Intelligenz im „Kunstlied“ erinnert an Elisabeth Schwarzkopf. Die Chamisso-Dichtung ist so nicht zu retten. In begreiflicher Distanz zu dem „Ideal der Weiblichkeit“ als „Produkt der männlichen Gesellschaft“, so Adorno schon 1951, dem konventionell biedermeierlichen Frauenbild also, misstraut die Sängerin den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Da sie nicht schwärmen kann, steht sie theatralisch neben der Rolle. Sybill Mahlke

KUNST

Der Sand flirrt: Kai Bornhöfts Fotografien im Kunstraum Epicentro

Es könnte die Milchstraße sein oder eine Flughafenlandebahn aus vielen Metern Höhe. So genau sind die Lichter, die sich wie eine Perlenkette in der Dunkelheit aneinanderreihen, weiß auf schwarz, nicht zu bestimmen. Kai Bornhöft, geboren 1968 in Kiel, fotografiert analog. Immer wieder bearbeitet er seine Aufnahmen in der Dunkelkammer, bis vom Motiv ein Bildrauschen übrig bleibt, eine Struktur, ein Kontrast. So auch in seiner Serie „Twentyeight days“ von Straßenecken und Bürgersteigkanten, die er als wuchtiges Tableau im privaten Kunstraum „Epicentro“ des Sammlers und Unternehmers Marc Fiedler ausstellt (Joachimstraße 5, bis 2.3., Di-Sa 12-18 Uhr). Aufgenommen hat er sie in den USA. Der rissige und fleckige Bodenbelag ist für Bornhöft eine Zustandsbeschreibung des Landes.

Der Berliner Fotograf, dessen Arbeiten sich unter anderem in der Sammlung der französischen Nationalbibliothek in Paris befinden, geht seit den neunziger Jahren konsequent seinen eigenen Weg, ohne dabei auf aktuelle Tendenzen zu schielen. So erinnert seine Herangehensweise an die sogenannte Subjektive Fotografie der fünfziger Jahre, eine Strömung, die den Betrachter als freien Interpreten forderte. Assoziieren erwünscht. Wo genau Bornhöft seine ebenfalls ausgestellte, atmosphärisch dicht komponierte Serie „Exit Ghost“ fotografiert hat, will er deshalb lieber nicht verraten. Es geht eben nicht um die reine Dokumentation dieses anonymen boomenden Orts in der arabischen Wüste am Persischen Golf. Palmen, Kamele und Jachten brennen sich wie eine flirrende Fata Morgana aufs Negativ. Anna Pataczek

KUNST

Das Süße lockt: Skulpturen von

Anke Eilergerhard im Gehag-Forum

Zierliche Sahnehäubchen in Rosa, Weiß und Schwarz türmen sich ornamental zu Skulpturen auf, hier und da verziert von Kaffee- und Kuchenporzellan. „Anne“ und „Wirbelwind“ sind die Serien von Anke Eilergerhard im Gehag-Forum überschrieben (Mecklenburgische Str. 57, bis 22. März; Mo – Fr 9 – 19 Uhr). Über allem schwebt ein Hauch von Feminismus, den die mit dem Schöneberger Kunstpreis 2011 ausgezeichnete Künstlerin mithilfe von Silikon auf ihre Art interpretiert. Zuckersüß und zugleich bitterböse formt sie Repräsentationsfiguren für die auf den Lebensraum Küche reduzierte Frau – liebreizend, vollbusig, um nach Erledigung häuslicher Pflichten auch noch die Männerwelt zu bezirzen.

Wie Torten wirken die Skulpturen. Sie dokumentieren die Kontrollwut der Kalorienaufnahme. Appetitlich, aber mit einem sündigen Beigeschmack formieren sich die zahllosen Sahnehäubchen zum feministischen Statement. Eilergerhard übt nicht Kritik an den Umständen, sie konstatiert nur den Ist-Zustand mit einem Augenzwinkern. Bei ihr bestehen die weiblichen Rundungen aus den üppigen Wölbungen von Kaffeekannen. An deren Henkeln formen sich Tassen zu Ohren und Augen, adrett, aber ein bisschen blöd glotzen die identitätslosen Gesichter. Naschen verbietet sich von selbst, berühren allerdings auch. Vinzenz Weidner

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