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Benedikt Bernstorff

KLASSIK

Kerngesund: Plácido Domingo

als Parsifal an der Staatsoper

Das Datum hat es in sich. 2013 steht nicht nur im Zeichen des 200. Wagner-Geburtstags, auch in der Geschichte von dessen letzter Oper „Parsifal“ gibt es ein Jubiläum: Seit genau 100 Jahren darf das Abschiedswerk des Komponisten auch außerhalb Bayreuths aufgeführt werden. Und schließlich fällt Daniel Barenboims Aufführung des 3. Akts der Oper auf den 130. Todestag Wagners. Plácido Domingo gibt, wieder einmal, den Titelhelden und sorgt gleich zu Beginn für einen theatralischen Moment der konzertanten Aufführung: Beim Gang zum Notenpult verzögert er, passend zur Musik, für einen Augenblick den Schritt. Im dritten Akt liegt die Partie nicht wesentlich höher als die Baritonpartien, die Domingo inzwischen in sein Repertoire aufgenommen hat. Zwar klingt die deutsche Aussprache des Tenors gerade in den deklamatorischen Passagen skurril, was besonders im Vergleich mit der plastischen Artikulation von Kwangchul Youn als Gurnemanz auffällt; andererseits singt kaum jemand die Partie mit so gesundem Stimmkern und so vielen schönen Tönen.

Barenboims Vertrautheit mit der Partitur zeigt sich gerade nicht in der Reproduktion des einmal für richtig Befundenen, sondern in immer neuen Akzentsetzungen. An diesem Abend scheint er an dynamischen Kontrasten und dem Rumoren des Unerlösten interessiert – als sollte die in der Aufführung abwesende Kundry untergründig doch noch zu Wort kommen. Barenboim kann sich dabei vor allem auf die Streicher der Staatskapelle verlassen, die jeden Impuls des Maestros mit großer Geistesgegenwart umsetzen. Insgesamt eine sicherlich streitbare, aber doch in jedem Augenblick packende und aufwühlende Deutung. Sie erreicht ihren Höhepunkt mit dem Einsatz des Herrenchors, der genau jenen Schmerzenston trifft, den man bei Wolfgang Koch als Amfortas vermisst.

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