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KLASSIK

Gong und Geröll: Die Berliner

Philharmoniker spielen Schumann

Dieser Abend ist ein bisschen gemüsig, also bunt. Aber es müssen ja auch nicht immer Sternschnuppen vom Himmel fallen, nur weil die Philharmoniker spielen. Jedenfalls gibt es Schumanns Genoveva- Ouvertüre, ein Klavierkonzert von Lutosawski mit Krystian Zimerman als Solist, der auf betörend konzentrierte Weise mit der Feinnervigkeit dieser Musik umgeht, die unversehens in akkordschweres Geröll umschlagen kann. Dazu kommen die schillernden „Correspondances“ von Dutilleux, mit der jungen, nicht minder fabelhaften Sopranistin Barbara Hannigan, die die Briefzeilen des verbannten Alexander Solschenizyn an das Ehepaar Rostropowitsch mit großer Selbstverständlichkeit vorsingt. Sie trägt sie vor, als wären sie auch nichts anderes als die von Rilke bedichteten Gong-Klänge, die Dutilleux in diesen kaum zehn Jahre alten Orchesterliedern eben auch noch in Musik verwandelt hat. Nun, und dann gibt es noch Schumanns dritte Symphonie, die „Rheinische“.

Obwohl Simon Rattle das Orchester in gewohnter Weise animiert und bis auf die Choräle im vierten, „feierlichen“ Satz eine pumperlgesunde Musik hören lassen möchte, ist Mühseligkeit das Ergebnis. Vielleicht liegt es an Schumann, der nicht eben für seine Instrumentationskunst berühmt geworden ist, so dass sich die Philharmoniker womöglich unterfordert fühlen. Vielleicht auch daran, dass man nicht ewig einatmen und Aufschwung nehmen kann beim Musizieren, zumal wenn ein Komponist seine Themen so vielfach wiederholt und noch einmal hervorzieht wie Schumann es hier tut. Jedenfalls klingt diese dritte Symphonie halb nach Haydn und halb nach dem Geschiebe künstlicher Ritardandi und Accelerandi. Und ein Drittel Ratlosigkeit ist auch noch dabei. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Wahn und Worte: Uraufführung von Helmut Oehring im Radialsystem

In tristes, weißes Licht getaucht sitzt ein Streichquintett im Kreis. Pflanzenkästen stapeln sich im ganzen Raum, werden transportiert und bewässert. Dabei ist Konrad, der Protagonist von Thomas Bernhards Roman „Das Kalkwerk“, ein Naturhasser. Wohl weil er sich pausenlos mit der Natur beschäftigt und an ihr scheitert. Gemeint ist die innere Natur, das Gehör, über das er seit Jahrzehnten eine bahnbrechende Studie niederzuschreiben versucht, niemals aber die Worte dazu findet, obwohl er sich die groteskesten Idealbedingungen geschaffen hat im alten Kalkwerk, das er mit seiner verkrüppelten Frau bewohnt. An ihr vollzieht er die schaurigsten Wortlautexperimente, bis er sie eines Tages erschießt.

Nicht die Darstellung der Ehehölle, deren dramatis personae gemäß Romanvorlage physisch abwesend sind, steht in der von Helmut Oehring musikalisch umgesetzten Adaption „Kalkwerk“ von Regisseur Albert Lang und Irene Rudolf am Radialsystem im Vordergrund, sondern die irreparabel zerbrochene Kommunikation zwischen Außen- und Innenwelt. Sinnbildlich für die Sprachlosigkeit steht der Holzfäller Höller (Sören Canenbley), der hier gehörlos ist. Seine Gebärdensprache, die ohne Resonanz seiner Mitmenschen bleibt, wirkt expressiver als jedes gesprochene Wort. Als Vermittlerin zwischen außen und innen offenbart Oehring die Sprache als geradezu chancenlos. Diese fatale Diagnose wird auch vom rhythmisierten Sprechgesang der zugleich schauspielerisch stark geforderten Instrumentalisten des Ensemble Mosaik immer wieder zementiert. Mittels Dehnung, Raffung und Verzerrung bekannter Musik wie Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ und seinem Streichquintett in C-Dur manipuliert Oehring effektvoll die Gefühlswelt seines Publikums. Die melodramatische Schichtung von erschütternden Zitaten Konrads vermittelt eine traurige Ahnung von dessen tiefer innerer Not, die ihn zum Mörder werden ließ. Barbara Eckle

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