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KLASSIK

Beseelt: Der Rundfunkchor singt Rachmaninow im Konzerthaus

Im März jährt sich Rachmaninows Todestag zum 70. Mal. Das Datum verkörpert im Vergleich zu den diesjährigen Verdi-, Wagner- und Britten- Jubiläen wenig symbolisches Kapital, hat allerdings eine direkte urheberrechtliche Konsequenz, denn nun gehört das Werk des russischen Komponisten gewissermaßen der Öffentlichkeit. Wie einseitig diese Öffentlichkeit nach wie vor über Rachmaninow informiert ist, zeigt sich an der Aufführung der nur einstündigen Vesper „Das große Abend- und Morgenlob für gemischten Chor a cappella“ durch den Rundfunkchor Berlin im Konzerthaus.

In der Sowjetunion wurde die 1915 entstandene Komposition naturgemäß kaum aufgeführt, im Westen hatte sie es durch ihre enge Anbindung an die russisch-orthodoxe Liturgie ebenfalls schwer. Die Vesper verzichtet ganz auf äußerliche Kontraste und hat mit dem Klischeebild eines auf Virtuosität und sogenannte schöne Stellen spezialisierten Komponisten nicht das Geringste zu tun. Allerdings erkennt man hier, wie stark Rachmaninows Melodik mit ihrer Vorliebe für kleine Intervalle von der Kirchenmusik Russlands geprägt ist. Die bis zu achtstimmigen Gesänge basieren zum großen Teil auf Themen, die der Komponist aus der geistlichen Tradition seines Landes übernahm. Hier überzeugt der Rundfunkchor unter der souveränen Leitung des lettischen Dirigenten Kaspars Putnins mit entspanntem Klang und feinen dynamischen Schattierungen.

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