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KLASSIK

Jovial: Rudolf Buchbinder spielt

Beethoven im Kammermusiksaal

Es ist nicht leicht, Rudolf Buchbinders Beethoven-Zyklus gerecht zu werden, wenn man die Gesamtschau der Beethoven’schen Klaviersonaten, die András Schiff ebenfalls im Kammermusiksaal präsentierte, in frischer, prägender Erinnerung hat: nämlich als beispielhafte Verbindung eines historischen Bewusstseins mit den Anforderungen des modernen Instrumentariums.

Buchbinder wiederum ist immer noch zu jung und in seiner Artikulation zu differenziert, als dass man ihn zum objektivierenden Altmeister stilisieren möchte. Es ist aber ausgerechnet das technisch leichteste Werk, die Sonate g-moll Nr. 19, bei dem Buchbinder im Vergleich am meisten verliert: Seine Fähigkeit, im stärksten Notendickicht die große Linie aufzuspüren, nützt ihm hier wenig. Auf der Strecke bleiben die motivischen Qualitäten in den Begleitfiguren der linken Hand und der eher modische als visionäre Reiz ihrer Harmonien.

Stärker ist Buchbinder dort, wo die fehlende Feinzeichnung auch unscheinbarer rhetorischer Figuren, die bisweilen durch winzige Unkonzentriertheiten verstärkt wird, weniger ins Gewicht fällt: so bei der ebenfalls frühen, aber offensiv virtuosen Sonate Nr. 3 oder bei dem sich hoch intensiv steigernden Schluss des tragischen „Largo e mesto“ der Sonate Nr. 7. Das „Wiedersehen“ in der Sonate „Les Adieux“ gerät etwas fahrig, als trete der Freund noch während des Hausputzes in die Stube. Die vitale Präsenz und der joviale Humor hingegen, die Buchbinder in den Schlusssätzen der Sonaten Nr. 7 und 28 an den Tag legt, sind so überzeugend, dass niemand behaupten sollte, der Feingeist Schiff habe schon das letzte Wort zu Beethovens Persönlichkeit gesagt (weitere Termine des Beethoven-Zyklus: 26. 3., 15. und 26. 4., 10. 6.) . Carsten Niemann

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