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KLASSIK

Süßmäulig: ein Rachmaninow-Abend mit dem Konzerthausorchester

Draußen gibt es Kaviar und russische Teigtaschen, drinnen einen ganzen Abend Rachmaninow, vom klavierbegleiteten „Schicksal“-Lied über die berühmte Vocalise zum 2. Klavierkonzert; nach der Pause schließlich lässt das Konzerthausorchester noch mit der 2. Sinfonie die Best-of-Hörer jubeln. Beim "Festival Russland" klingelt die Gassenhauerkasse, der Saal ist voll bis zum letzten Platz.

Das Programm scheint Chefdirigent Iván Fischer wie auf den Leib geschrieben, sein Hang zum Ausschweifigen wird glänzend bedient, die große Geste beeindruckt, aber sie kommt deswegen nicht billig daher. Dass sein Konzerthausorchester mal metrisch durcheinandergerät – geschenkt. Wie Fischer eine vorrevolutionäre Gluthitze entfacht, das ist eine staunenswerte Begebenheit, die Rachmaninow kurzweilig werden lässt. Fast wirkt es, als schwebe Fischer mit den Seinen auf einer Zuckerwolke über dem Garten Eden, so süßmäulig kostet er die Schmachtfetzen aus – und legt doch erstaunlich klare Strukturen frei. Oft genug wird in der 2. Sinfonie der lange Atem quer über alle Binnenspannung hinweg zur Langatmigkeit breitgetreten, hier aber spielt das Konzerthausorchester um sein Leben. Besonders die tiefen Streicher beeindrucken durch ihre warme Erdigkeit, während die Soloklarinette Töne von überirdischer Schönheit produziert.

Klaviersolist Andrej Korobejnikow pflegt eher die sanften Töne, hört ins Orchester hinein, als wäre er ein Teil desselben, trumpft nicht auf und widmet sich ganz dem Komponisten Rachmaninow, nicht dem Prankengetöse. Das macht den 27-jährigen Pianisten sehr sympathisch und lässt das Konzert zur Grandiosität erwachsen. Christian Schmidt

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