KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

POP

Kurz und vertrackt:

Alt-J im Astra

Es war ein knappes Vergnügen: Nach 45 Minuten verließen Alt-J im Astra schon wieder die Bühne, als Zugabe boten sie einen letzten Song von ihrem Debütalbum „An Awesome Wave“. Mehr war nicht drin – was wohl auch mit der rasanten jüngeren Geschichte des britischen Quartetts zu tun hat. 2012 erhielt die Band aus Leeds für ihr erstes Album den renommierten Mercury Prize, allein in diesem Jahr ist sie in den nächsten Monaten für über 70 Konzerte international unterwegs. Erfolg, der Zeit und Ruhe zum Komponieren stiehlt. Doch genau das braucht ihre Tüftelmusik, und Songs wie „Tessellate“ oder „Breezeblocks“ setzen die Maßstäbe für Kommendes ziemlich hoch. Im ausverkauften Astra war man deshalb mit den vertrauten Synthesen aus Pop, Folk, Elektronik und Artrock ziemlich glücklich und nahm Joe Newman, dessen schnarrende Stimme immer mal wieder an Stan Ridgway in Wall-of-Voodoo-Zeiten erinnert, auch den falschen Ton in der Mitte von „Something Good“ nicht übel. Stattdessen wurde jede noch so kleine Abweichung empathisch begrüßt. Denn was ebenfalls an diesem Abend durchschien: Alt-J haben genug damit zu tun, ihre vertrackten Sounds aus mehrstimmigen Gesängen, halbakustischer Gitarre und Synthesizern aus der perfekten Laborsituation des Studios in die Konzerthalle zu bringen. Ein paar zarte Varianten, in denen Thom Green sein Schlagzeug in den Vordergrund brachte, blieben die Ausnahme. Ansonsten klang alles sehr vertraut nach dem Album – bis hin zur Abfolge der ersten drei Songs. Ein Geschenk machten Alt-J ihrem Publikum mit der Vorband. Stealing Sheeps, drei Frauen mit wunderbaren Stimmen, warmem Folksound und dominanter Percussion: eine Klangmischung, von der man sich ebenfalls mehr wünscht. Christiane Meixner

POP

Zart und matschig:

Robert Cray im Lido

Die große Stärke des amerikanischen Gitarristen Robert Cray ist seine Zurückhaltung. Sein Ton ist zart, seine Stimme hat samtig warmen Soul und zusammen mit der perfekt aufeinander eingestimmten Band ergibt sich für gewöhnlich ein traumwandlerischer Sinn für Melodien und Dynamik. Welch herbe Enttäuschung im Lido, als zunächst alle Feinfühligkeit in einem brachial lauten Klangmatsch absäuft. Die ersten fünf Songs rauschen so weg. Die Band wirkt wacklig und unausgewogen. Was wohl daran liegt, dass dies erst das zweite Konzert ist mit dem neuen Drummer Les Falconer. Der beherrscht zweifellos sein Instrument, aber noch nicht das Repertoire. Dennoch hat der brillante Soul und Blues des 59-jährigen Robert Cray immer noch ein starkes Rückgrat: mit dem exquisiten Jim Pugh, dessen Hammond B3 zwischen dem Jazz von Jimmy Smith und dem R & B von Booker T. Jones jubiliert. Und dem knochigen Bass von Richard Cousins. Der nickt auch immer wieder dem Drummer die Tempi vor, bevor dieser sie dann einzählt. Aber dann wird doch noch alles gut. Cray taut auf, düdelt lustige Intermezzi zwischen seinen Songs: „Please Please Me“ von den Beatles und „My Girl“ von den Temptations. Und er singt bewegende Soul-Balladen mit wunderbarem Ausdruck, der gelegentlich an den großen Sam Cooke erinnert. Songs von „Strong Persuader“, seinem großen Erfolgsalbum von 1986, bis zu seinem sehr gelungenen neuen Werk „Nothing But Love“. Und alles ist wieder da: der butterweiche Gitarrenton, Dynamik, Melodik, Zurückhaltung. Noch mal gut gegangen. H.P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar