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THEATER

Revolution als Spiel: „Der Auftrag“ im BAT-Studiotheater

Versuch einer Sprengung: „Ernst Busch“-Studenten stellen sich dem Abenteuer, Heiner Müllers hochgeladene, hermetische Sprache in „Der Auftrag“ (1979) rücksichtslos zu erden. Die „Erinnerung an eine Revolution“ wird für sie zur Aufgabe, Zeitgenossenschaft herzustellen. Drei junge Leute unterschiedlichster Herkunft sollen nach 1789 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit von Paris nach Jamaika exportieren – welche Beziehung zu diesem „Auftrag“ kann heute noch gefunden werden?

Die Aufführung im BAT-Studiotheater verdoppelt und verdreifacht Müllers Spiele. Die Studenten mögen die Strenge seiner Phantasmagorien nicht, sie brechen sie auf, machen sie zugänglich, entdecken Heiterkeit, liefern Kommentare. Das Bühnenbild (Franziska Keune), rechteckige Kisten ohne Boden und Deckel, ist Grundlage für das Vorläufige, Wandelbare, das da vorgeführt wird, für Versteck und Kletterei. Regiestudent Megali Tosato braucht diesen fast kindlichen Spaß beim Bauen und Umbauen, um „seine“ Geschichte von jungen Leuten, die sich ausprobieren, erzählen zu können. Sie sind überall zu Hause, geben sich bedeutsam und feierlich, befragen Leute auf der Straße, reden, zitieren, kommentieren, machen Unfug, ganz unbedenklich, ganz locker. Dass da der Versuch einer Umwälzung der Verhältnisse scheitert, rückt in den Hintergrund. Den Fragen dieses Scheiterns stellt sich die Inszenierung dennoch. Aber die sechs Darsteller wollen keine Feierlichkeit. Sie fügen sich in die Figuren, liefern sich ihnen aber nicht aus, reißen sich immer wieder los, machen eben ihr Spiel. Christoph Funke

POP

Sinnlich und cool: Benjamin Biolay im Postbahnhof

Andere müssen wie wild auf der Bühne herumturnen oder immer wieder die Klamotten wechseln, um die Show am Laufen zu halten, bei Benjamin Biolay aus Frankreich reichen kleine Gesten. Zwischen seinen Songs klopft er sich immer wieder auf die Brust, dorthin, wo das Herz ist, um zu zeigen, wie berührt er von seinem Publikum im Postbahnhof ist, das den wohl bekanntesten Vertreter des Nouvelle Chanson feiert. Immer wieder streicht er sich sinnlich übers lange Haar und steckt gelegentlich eine Zigarette an. So cool wie der in seiner Heimat als Superstar geltende Sänger wäre man auch gerne mal.

Es ist wirklich einmalig, wie Benjamin Biolay es hinbekommt, dieses „Liberté toujours“-Lebensgefühl zu vermitteln. Der gerne mit Serge Gainsbourg verglichene Sänger, der immer wieder betont, dass er nichts gegen diesen Vergleich habe, aber dass amerikanische Popmusik für sein eigenes Schaffen wichtiger sei als französische, macht seine Sache umwerfend gut. Begleitet wird er von einem Gitarristen und einem Keyboarder, der gleichzeitig den Drumcomputer bedient, auf einen Schlagzeuger wird verzichtet. Die Beats aus dem Computer sorgen dafür, dass in den schönen Songs diese film-noir-Atmosphäre von Verlorenheit entsteht, wie man es vom Trip-Hop her kennt. Benjamin Biolay sagt immer, er verleugne die Tradition des Chanson nicht, er wolle aber auch modern klingen. Und das tut er. Andreas Hartmann

KUNST

Gegen das Vergessen: „Kunst in der Katastrophe“ im Paul-Löbe-Haus

Kein Wunder, dass vieles von dem, was zur Zeit in der großen Halle des Paul-Löbe-Hauses im Bundestag ausgestellt ist, nahezu unbekannt ist. Die Schau „Kunst in der Katastrophe“ würdigt Künstler, die vom Nationalsozialismus verfemt und verfolgt, deren Werke versteckt, verkauft und zerstört wurden (bis 5. März, Mo-Do 11-17 Uhr, Fr 11-16 Uhr, Besuch nach Anmeldung, Tel. 2273 88 83, info-ausstellungen-plh@bundestag.de). Zu entdecken sind Arbeiten von Hans Feibusch, Eric Isenburger, Carl Rabus oder – etwas bekannter – Felix Nussbaum. Das Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen und das Prager Museum Montanelli präsentieren erschreckend seismografische Ölgemälde, Zeichnungen und Literatur.

Etwa Oscar Zügels „Icarus“ von 1935/36: eine Friedenstaube verfängt sich in einem Strudel aus farbigen abstrakten Formen. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man die Grundform: ein Hakenkreuz. Beeindruckend auch die Arbeiten von Hubert Rüther, der Zwangsarbeit leisten musste. Ziel war es, seine Hände so zu brechen, dass er nicht mehr malen könnte. Tatsächlich wurde er schwach und konnte nur noch schnelle Zeichnungen anfertigen. Aber was für welche! Voller Verzweiflung und Schärfe. Linderung hat es ihm nicht gebracht, im September 1945 beging er Selbstmord. Diese Kunst lässt sich nicht ohne die Biografien lesen. Und sie protestiert an diesem Ort, anlässlich des 80. Jahrestags von Hitlers Machtergreifung, gegen das Vergessen. Es ist gut, dass sich das noch eher unbekannte Solinger Zentrum aus der Peripherie in die Hauptstadt wagt. Man hätte ihm gern einen öffentlichkeitswirksameren Ort gewünscht. Anna Pataczek

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