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POP

Flüstern und kreischen:

Trixie Whitley im Postbahnhof

Jeder, der das berauschende Konzert von Daniel Lanois’ Black Dub 2011 in der Passionskirche miterlebt hat, war hingerissen vom exorbitanten Talent der jungen Multiinstrumentalistin und Sängerin Trixie Whitley. Inzwischen hat sie ihr vorzügliches Debütalbum „Fourth Corner“ herausgebracht, ist nun ohne ihren Mentor Lanois unterwegs. Und singt ihre eigenwilligen Songs, eine faszinierende rauchblaue Mischung aus Blues, Jazz, Soul mit zarten Melodietupfern zwischen krachendem Industrielärm. Auf der kleinen Bühne des Postbahnhofs steht die 25-Jährige mit hellblondem Kurzhaarschnitt und weißer Bluse zunächst ganz allein, singt eine bis auf die Knochen abgenagte Version von „A Thousand Thieves“, ringelt darunter offene Akkorde auf der Akustikgitarre und setzt ihren dünnen Körper in ekstatische Schwingungen. Wobei die belgische Amerikanerin optisch wie auch akustisch verblüffend an ihren 2005 gestorbenen Vater Chris Whitley erinnert.

Seine Platten hatte sie schon als Kind mit ihrer herausragenden Stimme bereichert, von ihm hat sie viel gelernt. Musik als Leidenschaft etwa, aber auch, dass sie besser auf sich aufpassen will, dass sie sich nicht unterkriegen lässt von den Widrigkeiten des Lebens, Drogen, ungesunder Lebensweise. Dann schüttelt sie harte metallische Töne aus einer elektrischen Les Paul. Zur Seite steht ihr eine knallig kompakte Band aus echten Kompagnons: Bass, Drums und ein Gitarrist, der gelegentlich von Saiten zu Tasten wechselt wie Trixie. Von zornigem Teenage-Angst-Gelärme zu herzzerreißenden Balladen, von dunkler Altstimme in kieksendes Falsett. Auf faszinierende Weise verkörpert Trixie Whitley eine Soulmusik ganz neuer Schule. Da ist keine Spur von „retro“, aber auch nichts vom neuzeitlichen Plastik- R’n’B. Trixie Whitley spielt in einer eigenen Klasse. Fabelhaft. H.P. Daniels

KLASSIK

Stürmen und seufzen: Andreas Staier und die Akademie für Alte Musik

Das Schöne an der Alte-Musik-Szene ist, dass sich hier noch immer Fragen stellen, die von „modernen“ Orchestern gewöhnlich mit Routine statt Fantasie beantwortet werden. Zum Beispiel die Frage, welcher Flügel am besten geeignet ist, um Klavierkonzerte des jungen Mozart und seiner Zeitgenossen im Kammermusiksaal der Philharmonie aufzuführen. Andreas Staier und die Akademie für Alte Musik Berlin haben sich für ein kostbares Originalinstrument Wiener Bauart von 1815 entschieden. Das ist historisch vertretbar und hat den Vorteil, dass man in einem Raum, der größer ist als Mozarts Konzertsäle, auch die hintersten Reihen erreicht. Allerdings nur, wenn die Orchestermusiker dem Solisten stets auf Katzenpfötchen folgen – und das tun sie nicht. Auch dafür gibt es gute Gründe: Thema des Abends, an dem zudem experimentelle Sinfonien und Ouvertüren von Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach aufgeführt werden, ist der musikalische Sturm und Drang. So aber wird nur das delikat zwischen Sprechen, Seufzen und Singen balancierte „Larghetto con sordini“ in Georg Anton Bendas Konzert f-moll zum ungetrübten Genuss, während man in den extrovertierteren Ecksätzen sowie in Mozarts dramatischem Jenamy-Konzert nach jedem Tutti wertvolle Sekunden verliert, bis sich die Ohren wieder dem pastellenen Klavierklang angepasst haben. Von den Hornisten abgesehen, neigt die Akademie auch dazu, das Zarte, Warme, Schmeichelnde in ihrer Ausdrucks- und Klangfarbenpalette zu vernachlässigen, was den anregenden Abend etwas monochromer macht, als er sein müsste. Carsten Niemann

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