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KLASSIK

Freude zu verschenken:

Spivakov und Moskauer Virtuosen

Die russische Musik ist von einer grandiosen Streicherkultur geprägt, der die bedeutendsten Cellisten, Bratscher und besonders Violinisten entwachsen. Einer von ihnen hatte noch das Glück, bei dem legendären David Oistrach zu studieren, und bevorzugt nach der Geigenkarriere heute das Dirigieren: Vladimir Spivakov. Veranstalter Berin-Artmanagement hat einen Coup gelandet: Das Konzerthaus, bis unters Dach mit russisch-deutschem Publikum gefüllt, ist dem Ansturm kaum gewachsen. Es scheint gleichsam aus den Mauern zu platzen, als Spivakov mit seinen Moskauer Virtuosen eintritt. Chefdirigent der Nationalen Philharmoniker Russlands, leitet er das von ihm gegründete Kammerorchester seit über 30 Jahren.

Die Musiker sind auf Tournee, jeden Abend mit fast demselben Programm aus Musikgeschichte und russischer Seele in einer anderen deutschen Stadt und entsprechend eingespielt. Nachbarschaft zu Gluck spiegelt die Sinfonie „La casa del diavolo“ von Boccherini, der Dirigent steht für vitale Abläufe, die er lächelnd befeuert. Dann präsentiert er einen Stipendiaten aus seiner Stiftung für junge Talente mit dem D-Dur-Cellokonzert von Haydn. Und der 21-jährige Ivan Karizna, anfangs nervös, bezeugt mit feinen Doppelgriffen, empfindsam melodieverliebt, dass die Wahl gut ist.

Frühem Mozart folgt die C-Dur-Serenade von Tschaikowsky. Die Russen spielen ihre Musik unsentimental und mit Streicherschönheit, den Walzer animiert edel, völlig ohne Salonparfüm. Spivakov spart Zäsuren zwischen den Sätzen aller Werke gern aus, und seine Attacca-Anschlüsse zielen auf die Ganzheit der Kompositionen. Sybill Mahlke

ROCK

Angst zu verkaufen:

Villagers im Festsaal Kreuzberg

Und dann wird es plötzlich feierlich. Die Orgel wummert. Conor O’Brien, der Mann hinter Villagers, zupft die Gitarre. Ein Ton, zwei Töne, drei Töne. „I’m selling you my fears“ singt er, eine Zeile aus „Becoming A Jackal“, dem Titelsong seines 2010 für den Mercury Prize nominierten Debütalbums. Ein Handlungsreisender in Sachen Angst? Ja, die Angst vorm Leben, vor der Liebe, vor zerwühlten Bettlaken, sie spielt sicher eine Rolle in den Songs des 29-jährigen Iren.

Doch während des gut 90-minütigen Konzerts im gut gefüllten Festsaal Kreuzberg zeigt er: Da ist mehr. Der narrative Folkrock des ersten wird mit den Songs des im Herbst erschienenen zweiten Werks „Awayland“ vermischt, was zu einigen Sprüngen in der Dramaturgie führt, weil „Awayland“ auch Haken Richtung Kraut, Westcoast-Rock, sogar Techno schlägt. Unter anderem hören wir: Synthie-Patterns. Ein Barpiano, so angesoffen scheppernd, dass man auf fliegende Saloonstühle wartet. O’Brien selbst an einer großen Trommel. Diverse Gitarren, denen er Namen gibt. Bass und Schlagzeug plötzlich knöcheltief im Funk. Harmoniesätze der Simon-and-Garfunkel-Schule, stark entschleunigt. Im nächsten Moment „Nothing Arrived“, eine treibende RockHymne. Aber all das geht auf. Weil die Band Lust darauf hat. Und weil dieser kleine Mann mit seiner zerbrechlichen Stimme alles zusammenhält und im richtigen Moment – etwa dem wunderbaren „Judgement Call“ – seine verwinkelten Träumereien zu Parolen strafft. Musik aus einer eigenen Welt. Jochen Overbeck

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