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KLAVIERABEND

Click: Valentina Lisitsa

in der Philharmonie


Wie viele Zuhörer findet eine Pianistin im Konzert wieder, deren Youtube-Videos täglich bis zu 50 000 Mal aufgerufen werden? Valentina Lisitsa wollte es wissen und hat sich mit der Philharmonie keinen kleinen Saal für ihr Berlin-Debüt ausgesucht. Halb voll ist der Scharounbau, als die gebürtige Ukrainerin die Bühne betritt und ihrem Publikum die Wahl lässt: Will es das Klassik-Programm (das mit Beethovens Appassionata) oder Liszt spezial hören? Die Lage ist nicht ganz eindeutig, und so muss Lisitsa erst mal den Saal damit versöhnen, dass sie mehr blaue Zettel gesehen hat, also Liszt spielen wird. Das klingt entbehrungsreicher, als es ist, denn es fallen auch Liszts wallende Bearbeitungen von Schubert-Liedern darunter, die Lisitsas Auftritt eröffnen. Große Stille, kein Applaus zwischen den Stücken, Versunkenheit: Wenn so das Klassikpublikum im Internet aussieht, möchte man ihm jeden Tag in der Philharmonie begegnen. Die Pianistin leistet ihren Teil für einen allürefreien Abend. Lisitsa arbeitet sich derart redlich durch Liszts Tastengold, so ohne von geborgter Aura zu zehren und frei von Ermüdungsanzeichen, dass man sie sofort zur verdienten Klassikarbeiterin küren möchte. Das Flirrende, Abgründige, auch Verstörende der Musik bleibt fern. Lisitsas Klicks werden unterdessen immer mehr, weltweit. Ulrich Amling

ALTE MUSIK

Kick: das Freiburger Barockorchester im Kammermusiksaal

Da gleiten die Zuhörer gerade in die ersten Takte von Mozarts „Entführung aus dem Serail“-Ouvertüre – und dann das: Die drei Percussionisten fangen an zu kreischen, werden zu wildgewordenen Jungs, machen mit Schellen, Pauken und Glockenspiel ihr eigenes Ding. Was, um Gottes willen, hat das mit Mozart zu tun? Sehr viel. Im Kammermusiksaal will das Freiburger Barockorchester (Leitung: Gottfried von der Goltz) die Einflüsse zeigen, die türkische Musik aufs Abendland im Gefolge der gescheiterten Wien-Belagerung 1683 hatte. Vor allem das Schlagwerk ist erstmals ernst genommen worden – so die These des Programmhefts. Schöne Trouvaillen haben die Freiburger zur Illustration ausgegraben: etwa Ballettsuiten von Christian Cannabich oder die eigenwillige „Sinfonia Turchesca“ des Mozart- Schülers Franz Xaver Süßmayr. Immer wieder bekommen die Schlagwerker Murat Coskun, Michael Metzler und Charlie Fischer Gelegenheit für funkelnde Improvisationen. Und die Freiburger spielen auf ihren historischen Instrumenten so transparent und wild, so wenig romantisch- schwer, als gäbe es keine „Alte Musik“, kein Gestern und Morgen, als würde diese Musik im Augenblick des Spielens überhaupt erst entstehen. Udo Badelt

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